Kassiber Julian Barnes
Autoren Glossen Lyrik

Julian Barnes Nichts was man fürchten müsste Julian Barnes:
Nichts, was man fürch­ten müss­te.
Aus dem Eng­li­schen von Ger­trau­de Krue­ger.
Kiepenheuer & Witsch 2010, 320 Sei­ten, ISBN 9783462041866

Julian Barnes’ Buch kreist um sei­ne le­bens­lan­ge, star­ke To­des­angst, die ihn seit der Kind­heit mit nächt­li­chen Pa­nik­at­ta­cken und täg­li­chem Grü­beln über den Tod be­glei­tet, und wie die­se Angst sein Schrei­ben und Le­ben prägt. Er setzt sich mit dem Tod, dem Al­tern und den Ver­lus­ten in sei­nem Um­feld aus­ei­nan­der, vom Ster­ben sei­ner El­tern bis zu den To­des­ar­ten zahl­rei­cher Be­kann­ter.

Mit dieser Ob­ses­sion steht Bar­nes nicht al­lein: Auch für Rach­ma­ni­noff, Si­be­lius, Ed­mond de Gon­court, Flau­bert, Dau­det und Zola war der Tod das al­les be­herr­schen­de The­ma. Bar­nes stellt ihre Ge­dan­ken dazu vor und ver­bin­det sie mit ei­ge­nen Re­fle­xio­nen.

Durch den ge­sam­ten Text zie­hen sich Über­le­gun­gen zu sei­nem Ver­hält­nis zu Gott, Re­li­gion, Kunst, Neu­ro­lo­gie und Ge­ne­tik, eben­so die Zwei­fel an den ei­ge­nen Ge­dan­ken. Das Hin­ter­fra­gen ver­meint­li­cher Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten ist ein we­sent­li­cher Teil sei­ner Exis­tenz. Sein be­rühm­ter Satz „Ich glau­be nicht an Gott, aber ich ver­mis­se ihn”* un­ter­streicht sei­ne am­bi­va­len­te Hal­tung.

Keine klassische Au­to­bio­gra­phie und kein phi­lo­so­phi­scher Es­say, son­dern eine poe­ti­sche, skep­ti­sche und oft hu­mor­vol­le An­nä­he­rung an Re­li­gi­on, den Tod und die ei­ge­ne Fa­mi­lie. Be­son­ders ein­dring­lich schil­dert er das schwie­ri­ge Ver­hält­nis zur Mut­ter, die in­ni­ge Ver­bin­dung zum Va­ter und den in­tel­lek­tu­el­len Schlag­ab­tausch mit sei­nem Bru­der Jo­na­than, ei­nem Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor und Aris­to­te­les-Ex­per­ten, der Bar­nes’ Ide­en mit küh­ler Lo­gik kon­ter­ka­riert.

Geistige Verbündete fin­det Bar­nes nicht in der Fa­mi­lie, son­dern bei Schrift­stel­lern, Künst­lern und Den­kern wie Flau­bert, Geor­ges Bras­sens, Ford Ma­dox Ford, Stra­wins­ki, Ca­mus, George Sand, Jane Aus­ten oder Braque („Sie sind mei­ne wah­ren Ah­nen ...“ S. 56).

Ausgiebig schöpft er aus den Ta­ge­bü­chern des fran­zö­si­schen Au­tors und Jour­na­lis­ten Jules Re­nard (1864-1910), ei­nes wei­te­ren „Ver­wand­ten im Geis­te”: „Ich weiß nicht, ob es Gott gibt, aber es wäre bes­ser für sei­ne Re­pu­ta­tion, wenn es ihn nicht gäbe.” (S. 67).

Die Frage nach ei­nem Le­ben nach dem Tod bleibt of­fen, doch Bar­nes sam­melt Anek­do­ten und Ge­dan­ken, die das Mys­te­rium des To­des er­hel­len. Sein Stil ist as­so­zia­tiv, hu­mor­voll** und vol­ler Iro­nie, wäh­rend er zwi­schen Er­in­ne­run­gen, Kunst und Wis­sen­schaft hin- und her­glei­tet.

Barnes gewährt einen tie­fen, oft selbst­i­ro­ni­schen Ein­blick in sein Den­ken und Füh­len und zeigt, wie sehr der Tod sein Le­ben durch­dringt. Eine fas­zi­nie­ren­de und un­ter­halt­sa­me Lek­tü­re.


* Es ist der Satz, mit dem das Buch be­ginnt.

** „Als junger Mann hat­te ich ent­setz­li­che Angst vor dem Flie­gen. Mei­ne Lek­tü­re für Flug­rei­sen wähl­te ich im­mer un­ter dem Ge­sichts­punkt aus, wel­ches Buch man ne­ben mei­ner Lei­che fin­den soll­te.” S. 144


Julian Barnes: Der Mann im ro­ten Rock.

Julian Barnes: Dover – Calais. Er­zäh­lun­gen.

12. November 2025

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