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Julian Barnes’ Buch kreist um seine lebenslange, starke Todesangst, die ihn seit der Kindheit mit nächtlichen Panikattacken und täglichem Grübeln über den Tod begleitet, und wie diese Angst sein Schreiben und Leben prägt. Er setzt sich mit dem Tod, dem Altern und den Verlusten in seinem Umfeld auseinander, vom Sterben seiner Eltern bis zu den Todesarten zahlreicher Bekannter. Mit dieser Obsession steht Barnes nicht allein: Auch für Rachmaninoff, Sibelius, Edmond de Goncourt, Flaubert, Daudet und Zola war der Tod das alles beherrschende Thema. Barnes stellt ihre Gedanken dazu vor und verbindet sie mit eigenen Reflexionen. Durch den gesamten Text ziehen sich Überlegungen zu seinem Verhältnis zu Gott, Religion, Kunst, Neurologie und Genetik, ebenso die Zweifel an den eigenen Gedanken. Das Hinterfragen vermeintlicher Selbstverständlichkeiten ist ein wesentlicher Teil seiner Existenz. Sein berühmter Satz „Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn”* unterstreicht seine ambivalente Haltung. Keine klassische Autobiographie und kein philosophischer Essay, sondern eine poetische, skeptische und oft humorvolle Annäherung an Religion, den Tod und die eigene Familie. Besonders eindringlich schildert er das schwierige Verhältnis zur Mutter, die innige Verbindung zum Vater und den intellektuellen Schlagabtausch mit seinem Bruder Jonathan, einem Philosophieprofessor und Aristoteles-Experten, der Barnes’ Ideen mit kühler Logik konterkariert. Geistige Verbündete findet Barnes nicht in der Familie, sondern bei Schriftstellern, Künstlern und Denkern wie Flaubert, Georges Brassens, Ford Madox Ford, Strawinski, Camus, George Sand, Jane Austen oder Braque („Sie sind meine wahren Ahnen ...“ S. 56). Ausgiebig schöpft er aus den Tagebüchern des französischen Autors und Journalisten Jules Renard (1864-1910), eines weiteren „Verwandten im Geiste”: „Ich weiß nicht, ob es Gott gibt, aber es wäre besser für seine Reputation, wenn es ihn nicht gäbe.” (S. 67). Die Frage nach einem Leben nach dem Tod bleibt offen, doch Barnes sammelt Anekdoten und Gedanken, die das Mysterium des Todes erhellen. Sein Stil ist assoziativ, humorvoll** und voller Ironie, während er zwischen Erinnerungen, Kunst und Wissenschaft hin- und hergleitet. Barnes gewährt einen tiefen, oft selbstironischen Einblick in sein Denken und Fühlen und zeigt, wie sehr der Tod sein Leben durchdringt. Eine faszinierende und unterhaltsame Lektüre. * Es ist der Satz, mit dem das Buch beginnt. ** „Als junger Mann hatte ich entsetzliche Angst vor dem Fliegen. Meine Lektüre für Flugreisen wählte ich immer unter dem Gesichtspunkt aus, welches Buch man neben meiner Leiche finden sollte.” S. 144 → Julian Barnes: Der Mann im roten Rock. → Julian Barnes: Dover – Calais. Erzählungen. 12. November 2025 |
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