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Elisabeth Bronfen Sylvia Plath Elisabeth Bronfen
Sylvia Plath.
Aus dem Englischen über­setzt von Andrea Paluch und Robert Ha­beck.
Frankfurter Ver­lags­an­stalt 1998. 220 Sei­ten
ISBN 3-627-00016-1

Elisabeth Bronfen nä­hert sich dem "My­thos" Syl­via Plath über ei­ne Aus­ei­nan­der­set­zung, die – etwa 20 Jah­re nach ihrem Suizid – in der eng­li­schen Öf­fent­lich­keit aus­ge­tra­gen wur­de. Anlass war das Ver­schwin­den des Grab­steins, unter dem sie bei­ge­setzt wor­den war. Zuvor hat­ten mehr­mals Be­schä­di­gun­gen der In­schrift statt­ge­fun­den, der Na­me ih­res Man­nes war zer­stört wor­den. Die Ent­fer­nung des Steins er­öff­ne­te ei­ne Debatte über die Be­deu­tung Plaths (nicht nur) in der eng­lisch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur und die Ver­fü­gungs­ge­walt über ihr Grab, die Bron­fen im ers­ten Teil des Bu­ches re­ka­pi­tu­liert, um auch spä­ter immer wieder da­rauf zu­rück zu kom­men.

"Unabhängig von ihrem äs­the­ti­schen Wert und un­ab­hän­gig da­von, wie man das Ver­hält­nis zwi­schen ih­rem Selbst­mord und dem starken poe­ti­schen Aus­druck, den sie ih­rem Schmerz und ih­rer Wut ver­lieh, sieht, ist Sylvia Plath viel­mehr des­halb für uns von Be­deu­tung, weil sich ihr Le­ben und ihre Ar­beit auf so be­un­ru­hi­gen­de und span­nungs­ge­la­de­ne Art ge­gen­sei­tig au­then­ti­fi­zie­ren." S. 37

Dieses Spannungsfeld un­ter­sucht Elisabeth Bron­fen unter Hin­zu­zie­hung von bio­gra­phi­schen und text­ana­ly­ti­schen Ar­bei­ten anderer Au­tor:in­nen so­wie der Ori­gi­nal­tex­te Plaths selbst, so­weit das mög­lich ist. Denn zu Leb­zei­ten wurden – ne­ben ei­ni­gen Ge­schich­ten und Ge­dich­ten in ame­ri­ka­ni­schen und bri­ti­schen Zeit­schrif­ten – nur der Ge­dicht­band "The Co­los­sus and Other Poems" (1960) und – un­ter dem Pseu­do­nym Vic­to­ria Lucas – der Ro­man "The Bell Jar" (Lon­don 1963; die deut­sche Über­set­zung "Die Glas­glo­cke" er­schien 1968) ver­öf­fent­licht. Alle spä­te­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen er­folg­ten durch Ted Hughes, ih­ren Ehe­mann, und ih­re Mut­ter Au­re­lia Scho­ber Plath oder wur­den er­heb­lich von ih­nen be­ein­flusst. Es ist mehr als ei­ne Ver­mu­tung, dass da­bei we­sent­li­che In­ten­tio­nen der Au­to­rin ver­än­dert oder eli­mi­niert wur­den. So ver­nich­te­te Ted Hughes den letz­ten Band ih­rer Ta­ge­bü­cher, der in der Zeit vor ih­rem Sui­zid und wäh­rend der Tren­nung von Hughes ge­schrie­ben wor­den ist, ein wei­te­rer Band ver­schwand spur­los.

Um sich dem Werk Syl­via Plaths analytisch zu nä­hern, teilt Eli­sa­beth Bron­fen ihre Tex­te in drei Ka­te­go­rien ein:

-autobiografische Schrif­ten (Ta­ge­bü­cher und Brief­wech­sel)
-Dichtung
-Prosa

Zentral ist die Frage: Hät­te das Werk Sylvia Plaths ei­ne ähn­li­che Be­deu­tung erlangt, wä­re die Autorin nicht durch ei­ge­ne Hand aus dem Le­ben ge­schie­den? Auch hier, wie schon im ein­lei­ten­den Ka­pi­tel über den "My­thos Plath", kon­fron­tiert sie Bio­gra­fien und Text­in­ter­pre­ta­tio­nen mit dem Werk selbst und ih­ren ei­ge­nen Analysen. Da­raus ergibt sich ein dif­fe­ren­zier­tes Bild der Au­to­rin und ihres Werks, das von tief sit­zen­den Ängs­ten, hef­ti­gen Kon­flik­ten mit den ge­sell­schaft­li­chen Rol­len­er­war­tun­gen und dem un­be­ding­ten Wil­len, sich ei­nen Na­men zu ma­chen und li­te­ra­risch er­folg­reich zu sein, durch­zo­gen ist und tragisch be­grün­det wird. Die bei­spiel­haf­ten Text­a­na­ly­sen, die E. Bron­fen durch­führt, er­leich­tern den Zugang, speziell zu den Ge­dich­ten, er­heb­lich.

Elisabeth Bronfen (*1958) ist Kul­tur- und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin mit einer um­fang­rei­chen Pub­li­ka­tions­lis­te. Ihre Ha­bi­li­ta­tions­schrift "Nur über ih­re Lei­che. Tod, Weiblichkeit und Äs­the­tik" ist eine be­mer­kens­wer­te Analyse weib­li­cher To­des­dar­stel­lun­gen in der west­li­chen und patriarchalen Kul­tur. 2017 wur­de ihr der Wis­sen­schafts­preis der Aby-War­burg-Stiftung ver­lie­hen, 2021 er­hielt sie die Ehren­dok­tor­wür­de der Fried­rich-Ale­xan­der-Uni­ver­si­tät Er­lan­gen-Nürn­berg.

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15. April 2024

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