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Erinnerung eines Mädchens Annie Ernaux:
Erinnerung ei­nes Mäd­chens.
Aus dem Fran­zö­si­schen von Son­ja Finck.
Büchergilde Gu­ten­berg 2022, 164 Sei­ten, ISBN 978-3-7632-7096-5

„Den Abgrund er­kun­den zwi­schen der un­ge­heu­ren Wirk­lich­keit ei­nes Ge­sche­hens in dem Mo­ment, in dem es ge­schieht, und der merk­wür­di­gen Un­wirk­lich­keit, die die­ses Ge­sche­hen Jah­re spä­ter an­nimmt.“ (S. 164)

Mit diesem Satz schließt An­nie Er­naux ihre „Er­in­ne­rung ei­nes Mäd­chens“ und be­schreibt da­mit exakt die Ar­beits­wei­se ih­res Schrei­bens. Der Ab­grund, den sie er­kun­det, ba­siert auf dem fol­gen­den Ge­sche­hen:

Als 17-Jährige ar­bei­te­te An­nie D. im Som­mer 1958 als Be­treu­e­rin in ei­nem Fe­ri­en­camp für Kin­der an der nord­fran­zö­si­schen Küs­te. Weit weg von ih­rem Hei­mat­ort und dem en­gen, ka­tho­lisch ge­präg­ten Mi­li­eu des el­ter­li­chen La­dens hofft sie, dort die gro­ße Lie­be zu fin­den, von der sie träum­te. Als es zur ers­ten se­xu­el­len Be­geg­nung mit dem fünf Jah­re äl­te­ren La­ger­lei­ter H. kommt, ver­läuft die­se über­ra­schend bru­tal* – den­noch un­ter­nimmt An­nie al­les, um da­raus im Nach­hi­nein eine lei­den­schaft­li­che Lie­bes­ge­schich­te zu ma­chen. Auf H.s un­ver­hoh­le­ne Gleich­gül­tig­keit und Zu­rück­wei­sung** rea­giert sie, in­dem sie sich in ei­nem rausch­haf­ten Tau­mel an­de­ren Män­nern zu­wen­det, um ihr Ver­lan­gen nach ihm auf die­se Wei­se zu be­täu­ben. Die an­de­ren Ju­gend­li­chen und H. selbst be­geg­nen ihr da­rauf­hin mit Hohn und Er­nie­dri­gung, doch das hält sie nicht da­von ab, ihr ge­sam­tes Da­sein wei­ter­hin auf ihn aus­zu­rich­ten. Ob­wohl An­nie D. den Som­mer 1958 in ei­nem Rausch aus Fei­ern und Eu­pho­rie spä­ter als die schöns­te Zeit ih­res Le­bens be­schreibt, hin­ter­las­sen die er­lit­te­nen Über­grif­fe un­mit­tel­bar kör­per­li­che Spu­ren: Über Jah­re hin­weg pla­gen sie das Aus­blei­ben der Pe­ri­o­de und Ess­stö­run­gen. Erst viel spä­ter, im Zuge des Schreib­pro­zes­ses von „Er­in­ne­rung ei­nes Mäd­chens“, be­nennt Er­naux das Er­leb­te als das, was es war: se­xu­el­le und ver­ba­le Ge­walt. Da­bei tritt eine grund­le­gen­de Ver­bin­dung zwi­schen weib­li­chem Be­geh­ren und der pa­tri­ar­cha­len Kon­trol­le über weib­li­che Kör­per zu­ta­ge.

Annie Ernaux er­in­nert sich als An­nie D. an das da­ma­li­ge Ge­sche­hen, er­in­nert sich als die­ses Mäd­chen, das wie ein Fremd­kör­per in ihr die Jahr­zehn­te über­dau­ert hat; ein me­tho­di­sches Kon­zept, das ihr (An­nie Er­naux) es er­mög­licht, „bis zum Äu­ßers­ten ge­hen zu kön­nen“.

Annie Ernaux greift mit „Er­in­ne­rung ei­nes Mäd­chens“ auf das be­reits 2008 er­schie­ne­ne „Die Jah­re“ (Les années, dtsch. 2017) zu­rück, in dem die Er­eig­nis­se des Som­mers 1958 an­ge­deu­tet, aber nicht wei­ter aus­ge­führt wer­den. Acht Jah­re spä­ter schließt sie die­se Lücke. Doch das Er­in­nern ist eher ein He­ran­tas­ten, eine vor­sich­ti­ge An­nä­he­rung an das Mäd­chen An­nie D., an ihre Scham***, ihre Ein­sam­keit, ihr Ver­lan­gen und die Jah­re da­nach. Aber auch ein Pro­zess, der vom „sie“ zum „ich“ führt: „Ich kann sa­gen: sie ist ich, ich bin sie.“

Zugleich mit der Er­in­ne­rung ent­fal­ten sich Mo­men­te kul­tu­rel­ler Schnapp­schüs­se durch Ta­ge­buch­ein­trä­ge, Fil­me, Ro­ma­ne und Kor­res­pon­den­zen, die sich zu ei­nem Ka­lei­dos­kop auf­fä­chern. Die Ver­gan­gen­heit wird nicht ab­ge­bil­det, aber fa­cet­ten­reich be­leuch­tet. „Die Sinn­lo­sig­keit des Er­leb­ten in dem Mo­ment, in dem man es er­lebt, ver­viel­facht die Mög­lich­kei­ten des Schrei­bens.“ (S. 164)

„Erinnerung eines Mäd­chens“ ist ein Buch über Scham, über den Ver­lust von Wür­de, über Er­in­ne­rung und über die Fra­ge, wer man war, be­vor man zu der Per­son wur­de, die man heu­te ist. Wie ger­ne wür­de ich mei­ner ei­ge­nen Ver­gan­gen­heit mit der­sel­ben di­rek­ten Of­fen­heit und re­flek­tier­ten Dis­tanz be­geg­nen kön­nen wie das An­nie Er­naux in ih­rem Werk, für das sie 2022 den No­bel­preis für Li­te­ra­tur ver­lie­hen be­kam, ge­tan hat. Ich ver­nei­ge mich.


* „Sie unterwirft sich nicht ihm, son­dern ei­nem uni­ver­sel­len Ge­setz der wil­den Männ­lich­keit, dem sie frü­her oder spä­ter be­geg­nen muss­te. Und wenn die­ses Ge­setz bru­tal und dre­ckig ist, dann ist das eben so.“ S. 46

** „ ...eine Hündin, die ge­strei­chelt wer­den möch­te und ei­nen Tritt be­kommt.“ S. 52

*** „Diese Scham ist an­ders als die Scham, die Toch­ter von klei­nen La­den­be­sit­zern zu sein. Jetzt schämt sie sich da­für, ein Ob­jekt der Be­gier­de und stolz da­rauf ge­we­sen zu sein.“ S. 106


Annie Ernaux: Eine Frau

Biographisches

23. August 2026

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