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Die guten Droguen

Ein Mädchen singt, im cabaret d'art, dieses Lied:

Mich langweilt die erotische Gymnastik,
Sie turnt am ewig selben Apparat,
Sie wiederholt die ewig selbe Plastik,
Wie nur der primitivste Akrobat!
Nach raffinierteren Genüssen lechz' ich
Als einem noch so smarten Bräutigam:
Die Liebe bringt ja nur auf neunundsechzig,
Im besten Fall, ihr Sensationsprogramm!
   Ach, dieses Reglement der Küsse
   Ist so pedantisch und so dumm!
   Ich kenne hübschere Genüsse:
   Ich pieke mich mit Morphium!

Wie gern hol ich die kleine Silberspritze,
Die treuste Freundin, aus dem Samt-Etui
Und stoße mir die Zaubernadelspitze
Mit süßem Schmerz in die Anatomie!
Ich nehme längst die allerstärksten Dosen
Und fälsch das unwahrscheinlichste Rezept:
Betäubt von meinen parfumierten Hosen
Mixt es der pharmazeutische Adept!
   Mich degoutieren alle Küsse,
   Die ganze Liebe ist so dumm!
   Ich kenne hübschere Genüsse:
   Ich pieke mich mit Morphium!

Ich bet sie an, die gnadenreichen Droguen,
Die uns der Erdenhässlichkeit entziehn,
Noch nie hat meinen Sehnsuchtstraum belogen
Das weiße Märchenpulver Cocaïn!
Ich schnaube es behutsam in die Nase,
Damit ich noch den letzten Hauch genieß,
Und meiner Nerven künstliche Ekstase
Entführt mich in das schönste Paradies!
   Wie lächerlich sind alle Küsse,
   Die ganze Liebe ist ein Spleen,
   Ich kenne hübschere Genüsse:
   Ich nehme Coco-Cocaïn!

Doch wenn dereinst der vielgeliebten Gifte
Effekt sich nicht mehr überbieten läßt,
Dann sollen Schminke, Puder, Augenstifte
Mich frech verzieren für das letzte Fest!
Dann soll mich Mandelblütenduft umfangen –
O Cyankali, Mörder, nimm mich hin,
Extrakt des Teufels, stille mein Verlangen,
Weil ich der Liebestränke müde bin!
   Wie lächerlich sind alle Küsse,
   Die ganze Lust-Maschinerie!
   Doch gibts berauschende Genüsse
   In Satans Zauber-Droguerie!

Ferdinand Hardekopf

 
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