Markus Köhlerschmidt / Stefanie Voigt:
Der knöcherne Zigarrenhalter. Die ästhetische Lust des Schrecklichen im Ersten Weltkrieg.
Francke Verlag 2014, 171 Seiten, ISBN 978-3-7720-8490-4
Vorab: Der im Titel erwähnte knöcherne Zigarrenhalter wurde nicht realisiert. Er sollte Ernst Jünger, hergestellt aus einem Finger- und Mittelhandknochen, als Zigarrenspitze dienen. Andere, ähnlich bizarre Projekte, wurden hingegen in die Tat umgesetzt: Lampenschirme aus der Haut ermordeter Juden beispielsweise.*
Basierend auf der Analyse von Schriften und Briefen von mehr oder weniger prominenten Kriegsteilnehmern untersucht dieser Text die zentrale Bedeutung des Begriffs des Erhabenen während des Ersten Weltkriegs und seine nachhaltige Wirkung auf die europäische Geistesgeschichte. Der Krieg markiert eine Zäsur, deren umwälzende Kraft mit der Französischen Revolution vergleichbar ist. Durch die „Ästhetisierung des Krieges“ wurde der Weg für faschistische Systeme geebnet – eine Entwicklung, die bis heute nachwirkt.
Das Erhabene entsteht dort, wo das Grauen die Sprache übersteigt. Es dient als psychischer Schutzmechanismus, der extreme Erfahrungen erträglich macht und Handlungsfähigkeit bewahrt. Gleichzeitig birgt es die Gefahr, Gewalt zu verklären und damit erst zu ermöglichen oder zu verstärken. Die Ambivalenz liegt darin, dass das Erhabene Überforderung in Sinn – oder gar Lust – transformiert: Es stabilisiert das Individuum, untergräbt aber moralische Grenzen. Indem das Schreckliche ästhetisch aufgewertet wird, verliert es seinen abschreckenden Charakter.
Der Erste Weltkrieg prägte die Ästhetik des 20. Jahrhunderts nachhaltig. Die heutige Faszination für extreme Erfahrungen – etwa in Medien oder Freizeit – erscheint als säkularisierte Fortsetzung des Erhabenheitsdiskurses. Wo Religion keine transzendenten Erfahrungen mehr bietet, wird das Erhabene im Schrecklichen gesucht.
Das Buch stellt einen weiteren Beitrag der Autoren zu ihren Studien über Erscheinungsformen des Erhabenen dar.
* „Und plötzlich sagte ganz feierlich Hedwig Potthast, Himmlers Sekretärin und Geliebte, sie möchte ihnen nun etwas sehr Interessantes vorführen, eine sehr eigene Sammlung ihres Chefs. Sie ging hinauf in das Dachgeschoss und öffnete einen Raum. Da standen Tische und Stühle, gemacht aus Teilen menschlicher Körper. Bei einem Stuhl war die Sitzfläche ein bearbeiteter Beckenknochen, bei einem anderen waren die Stuhlbeine aus Menschenbeinen samt Menschenfuß. Dann zeigte Frau Potthast eine Ausgabe von Mein Kampf, gebunden aus der Haut eines menschlichen Rückens.“
Norbert und Stephan Lebert: Denn Du trägst meinen Namen. Das schwere Erbe der prominenten Nazi–Kinder. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2002, S. 102f
→ Markus Köhlerschmidt und Stefanie Voigt: Mit Pauken und Perücken. Die Lebenskünste der erhabenen Herren Händel, Bach, Telemann und Mozart.
→ Website Stefanie Voigt
25. März 2026