Kassiber Milan Kundera
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Milan Kundera Verratene Vermächtnisse Milan Kundera:
Verratene Ver­mächt­nis­se. Es­say.
Aus dem Fran­zö­si­schen von Su­san­na Roth.
Carl Hanser Verlag 1994, 266 Sei­ten, ISBN 3-446-17764-7

In seinem Es­say­band „Ver­ra­te­ne Ver­mächt­nis­se“ übt Kun­de­ra schar­fe Kri­tik an je­nen, die Kunst­wer­ke durch Um­deu­tung, Ver­ein­fa­chung oder An­pas­sung ver­fäl­schen. Bei­spiel­haft ste­hen da­für Über­set­zer, die den per­sön­li­chen Stil ei­nes Au­tors zu­guns­ten ei­nes ver­meint­lich „schö­nen“ Sprach­ide­als op­fern, so­wie Max Brod, den Kun­de­ra als Haupt­ver­ant­wort­li­chen für die Ver­ein­nah­mung Franz Kaf­kas an­pran­gert. Brod habe Kaf­kas Werk durch Pu­bli­ka­tion ge­gen des­sen Wil­len und durch ver­kür­zen­de In­ter­pre­ta­tio­nen in die Nähe re­li­giö­ser oder phi­lo­so­phi­scher Pa­ra­beln ge­rückt und so die „Kaf­ko­lo­gie“ be­för­dert. Ähn­lich wirft Kun­de­ra Brod vor, den Kom­po­nis­ten Leos Ja­ná­cek als nai­ven Ge­ni­us miss­ver­stan­den und da­mit des­sen mo­der­ne, kon­struk­ti­ve Züge ig­no­riert zu ha­ben – ob­wohl Brod maß­geb­lich zu Ja­ná­ceks spä­te­rer An­er­ken­nung bei­trug.

Kunderas Ri­go­ris­mus zeigt sich auch in der Ab­leh­nung bio­gra­phi­scher Kri­tik, die er pau­schal als „Müll­ton­nen-Schnüf­fe­lei“ dis­kre­di­tiert. Zwar warnt er zu Recht vor ei­ner Re­duk­tion von Kunst auf bio­gra­fi­sche De­tails, doch sei­ne ra­di­ka­le Ab­leh­nung je­der Kon­tex­tu­a­li­sie­rung wirkt über­zo­gen. Die Kennt­nis des Ent­ste­hungs­pro­zes­ses kann durch­aus das Ver­ständ­nis ei­nes Werks ver­tie­fen, ohne des­sen Au­to­no­mie zu ge­fähr­den. Zu­dem wi­der­spricht Kun­de­ras For­de­rung nach ei­ner ein­zi­gen „rich­ti­gen“ Les­art sei­nem ei­ge­nen Plädoyer für die Viel­deu­tig­keit von Li­te­ra­tur.

Sein Urteil über „Ver­rä­ter“ wie den Di­ri­gen­ten Er­nest An­ser­met, der Stra­wins­kys Werk vor ei­ner Auf­füh­rung leicht kür­zen woll­te, er­scheint da­her zu un­dif­fe­ren­ziert. Kun­de­ras Ar­gu­men­ta­tion ver­liert dort an Über­zeu­gungs­kraft, wo er die Viel­falt künst­le­ri­scher Re­zep­tion und An­eig­nung ig­no­riert – ob­wohl ge­ra­de die­se Viel­falt die von ihm be­schwo­re­ne „Weis­heit des Ro­mans“ aus­macht. Letzt­lich bleibt sein Es­say­band ein pro­vo­kan­tes, aber auch wi­der­sprüch­li­ches Plä­do­yer für die Un­an­tast­bar­keit der Kunst, das selbst vor den ei­ge­nen An­sprü­chen nicht im­mer stand­hält.

Milan Kundera ent­wi­ckelt in sei­nen Es­says eine poin­tier­te Ver­tei­di­gung der Ei­gen­stän­dig­keit des Ro­mans und der Kunst im All­ge­mei­nen. Sein zen­tra­ler Ge­dan­ke: Der Ro­man­cier ist kein Sprach­rohr – we­der für ge­sell­schaft­li­che Ideen noch für die ei­ge­nen Ab­sich­ten. Für Kun­de­ra liegt die „Weis­heit des Ro­mans“ ge­ra­de in der Viel­deu­tig­keit sei­ner Fi­gu­ren und in der Fä­hig­keit, sich dem Zu­griff ein­sei­ti­ger Deu­tun­gen zu ent­zie­hen.

Ein ori­gi­nel­les Buch, das – nicht zu­letzt sei­ner Wi­der­sprü­che we­gen – zum Nach­den­ken über die In­ter­pre­ta­tion von künst­le­ri­schen Wer­ken an­regt.


8. November 2025

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