Kassiber Ferdinand Hardekopf
Autoren Glossen Lyrik

Selma Meerbaum Selma Meerbaum-Eisinger, ge­bo­ren am 15. Au­gust 1924 in Czer­no­witz, ver­stor­ben am 16. De­zem­ber 1942 im Ar­beits­la­ger Mi­chai­low­ka in Trans­nis­trien (Ukra­i­ne).

Multilinguale Städte wie Czer­no­witz oder Prag schei­nen ein gu­ter Nähr­bo­den zur Ent­wick­lung au­ßer­or­dent­li­cher lite­ra­ri­scher Fä­hig­kei­ten zu sein. Wie anders wäre die Viel­zahl von Au­to­rin­nen und Au­to­ren aus die­sen Kul­tur­räu­men zu er­klä­ren, die sich in die Welt­li­te­ra­tur ein­ge­schrie­ben ha­ben? Ob­schon ihr poe­ti­sches Ta­lent in den 57 Ge­dich­ten, die sich von ihr er­hal­ten ha­ben, be­ein­dru­ckend ist, war dies Selma Meer­baum-Ei­sin­ger an­ge­sichts ih­res frü­hen To­des nicht ver­gönnt. Sie starb – 18­jäh­rig – nach mehr­mo­na­ti­ger Zwangs­ar­beit an Ty­phus.

Selma wuchs zwei­spra­chig auf; in der Fa­mi­lie wur­de Deutsch ge­spro­chen, der Un­ter­richt in der Schu­le er­folg­te auf Ru­mä­nisch. Doch ihre Sprach­kennt­nis­se reich­ten wei­ter, so über­setz­te sie aus dem Fran­zö­si­schen, Ru­mä­ni­schen und Jid­di­schen.

1941 wurden die Czer­no­witzer Ju­den, un­ter ih­nen auch Sel­ma und ihre Fa­mi­lie, in ein Ghet­to ge­pfercht, aus dem 1942 die De­por­ta­tio­nen nach Trans­nis­trien und in die Ar­beits­la­ger er­folg­ten.

Die erste Publikation ih­rer Ge­dich­te, die durch eine Freun­din ge­ret­tet wor­den wa­ren, er­folg­te in den 70er Jah­ren als Pri­vat­druck in ei­ner Auf­la­ge von 400 Exem­pla­ren. Erst 1980 er­reich­ten sie eine größe­re Öf­fent­lich­keit durch den Exil­for­scher Jür­gen Ser­ke, der die Ge­dich­te und eine kur­ze Bio­gra­fie Sel­mas un­ter dem Ti­tel „Ich bin in Sehn­sucht ein­ge­hüllt“ ver­öf­fent­lich­te.


Schlaflied für die Sehnsucht

O lege, Geliebter,
den Kopf in die Hände
und höre, ich sing’ dir ein Lied.
Ich sing’ dir von Weh und von Tod und vom Ende,
ich sing’ dir vom Glücke, das schied.

Komm, schließe die Augen,
ich will dich dann wiegen,
wir träumen dann beide vom Glück.
Wir träumen dann beide die goldensten Lügen,
wir träumen uns weit, weit zurück.

Und sieh nur, Geliebter,
im Traume da kehren
wieder die Tage voll Licht.
Vergessen die Stunden, die wehen und leeren
von Trauer und Leid und Verzicht.

Doch dann – das Erwachen,
Geliebter, ist Grauen –
ach, alles ist leerer als je –
Oh, könnten die Träume mein Glück wieder bauen,
verjagen mein wild-heißes Weh!

(Zu singen nach der Melodie: „di zun iz far­gan­gen“ von M. Ge­bir­tig)

Weiteres : Impressum