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Jeet Thayil Narcopolis Jeet Thayil
Narcopolis. Roman.
Aus dem Englischen von Bernhard Robben.
S. Fischer Verlag 2013, 379 Sei­ten
ISBN 978-3-10-080027-5

"Als meine Nachbarn an je­nem Abend zu Bett ge­gan­gen wa­ren, räum­te ich im Zimmer ei­nen Platz frei, zün­de­te die Öl­lam­pe an und leg­te die Pfei­fe zurecht. Das ist die Ge­schich­te, die mir die Pfeife er­zähl­te. Ich ha­be sie bloß auf­ge­schrie­ben, Wort für Wort und mit dem­sel­ben Wort be­gin­nend, mit dem sie auch en­det: Bom­bay." S. 379

Zwischen diesen beiden Bom­bays (inzwischen Mum­bai) lie­gen etwa 20 Jah­re der Ver­än­de­rung ei­ner Stadt und der Men­schen einer Szene, be­schrie­ben von dem Dro­gen­ab­hän­gi­gen Dom Ullis (Ulys­ses?), der, in Kerbala ge­bo­ren, aus­ge­wan­dert nach New York und von dort zu­rück ge­kehrt nach In­dien, in Bom­bay und dort in Rashids Khana (Opi­um­höh­le) landet. Der trä­ge Rauch der Pfei­fen, das Ri­tual der Vor­be­rei­tung durch die Pfei­fen­die­ner, das Ge­räusch des brodelnden Opi­ums über der Flam­me und das Einsetzen des Rausches mit sei­nen Träu­men ist nur schein­bar eine Idylle, so trü­ge­risch wie die Bil­der, die die Dro­ge in­du­ziert.

Rashids Kunden sind rand­stän­di­ge Men­schen, die für ein paar Stun­den ihrem Alltag ent­kom­men wol­len, die At­mo­sphä­re der Khana und das Opi­um hel­fen ih­nen dabei. Vie­le kom­men regelmäßig, der Stoff ist der beste in der Stadt, heißt es, die Prei­se ak­zep­ta­bel. Aber vie­le kommen auch, weil sie es müs­sen. Weil sich Ihnen das Opium in den Leib und in die See­le ge­fres­sen hat, weil sie ohne es nicht mehr aus­kom­men. Ra­shid selbst konsumiert nicht nur Opium, er nimmt al­les, was Sti­mu­la­tion und Rausch ver­spricht.

In einem Geschoss zwi­schen Kha­na und der Woh­nung, die Ra­shid mit seinen Frauen teilt, wohnt Dimple, der man mit acht Jahren ihre männ­li­chen Ge­schlechts­tei­le am­pu­tier­te, um sie als Hijra aus­zu­bil­den. Sie lebte und ar­bei­te­te in einem Bor­dell bis Rashid sie zu sich holte. Jetzt bereitet sie seine Pfei­fen vor und "be­dient" den einen oder an­de­ren Kun­den auch auf andere Wei­se. Den bekannten Ma­ler Xa­vier zum Bei­spiel, der – al­ko­hol­krank – hin und wieder für einige Zeit in die Szene der Opi­um­höh­len und Bor­del­le ab­taucht.

Dimple pflegt eine Freund­schaft mit Mr. Lee, der sei­ne ei­ge­ne klei­ne Khana betreibt und selbst sein bes­ter Kun­de ist. Sie rau­chen ge­mein­sam und Lee, der als Soldat der chi­ne­si­schen Volks­ar­mee de­ser­tiert und nach In­dien ge­flo­hen war, vermacht Dimple sei­ne wert­vol­len Opi­um­pfei­fen, als es mit ihm zu En­de geht.

In dieses Biotop bricht ei­ne neue Droge ein und ver­än­dert al­les: He­roin! Man raucht es, schnupft es, inhaliert es und am En­de spritzt man es. Der Han­del ver­spricht höchste Ge­winn­span­nen, die gan­ze Sze­ne gerät aus den Fu­gen, so wie pa­ral­lel da­zu auch die Kon­flik­te in der Gesellschaft es­ka­lie­ren. Re­li­giö­se Fun­da­men­ta­lis­ten be­kämp­fen ei­nan­der, Ge­walt­ex­zes­se sind die Fol­ge. Bom­bay scheint apo­ka­lyp­ti­schen Zeiten ent­ge­gen zu ge­hen.

Bezugspunkte zu Wil­liam S. Bur­roughs Dro­gen­ro­ma­nen sind nicht zu übersehen bei die­sem ful­mi­nan­ten Debüt ei­nes Au­tors, der in­zwi­schen auch als Per­for­mance-Künst­ler, Lyriker und Musiker re­üs­siert hat. Und wie Burroughs schreibt Thayil aus ei­ge­ner Er­fah­rung, er hat eine 20-jäh­ri­ge Sucht­ver­gan­gen­heit. Wer sich für diese Art Literatur in­te­res­siert, dem/der kann ich das Buch nur emp­feh­len.


3. Mai 2024

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