Kassiber Hugh Trevor-Roper
Autoren Glossen Lyrik

Der Eremit von Peking Hugh Trevor-Roper:
Der Eremit von Pe­king. Die Ge­schich­te eines ge­ni­a­len Fäl­schers.
Übersetzt aus dem Eng­li­schen von An­drea Ott.
Eichborn Verlag 2009 (Die An­de­re Bib­li­o­thek, Band 291), 389 Seiten, ISBN 9783821845906

„China unter der Kai­se­rin­wit­we“ und „Be­rich­te und Me­moi­ren vom Hof in Pe­king“ lau­te­ten die Ti­tel je­ner Wer­ke, die der west­li­chen Welt erst­mals Ein­bli­cke in die Ge­heim­nis­se aus dem in­ners­ten Macht­zir­kel der Qing-Dy­nas­tie er­öff­ne­ten. An­geb­lich be­ru­hen sie auf den Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen des Mand­schu-Ge­lehr­ten Jing Shan, die Ed­mund Back­house (1873–1944) in den Wir­ren des Bo­xer­auf­stands ge­ret­tet ha­ben woll­te. Das Werk zeich­ne­te ein düs­te­res Bild der Kai­se­rin­wit­we Cixi (1835–1908) als in­tri­gan­te, per­ver­sen Nei­gun­gen zu­ge­ta­ne Herr­sche­rin, die so­gar die Er­mor­dung ih­res Soh­nes be­foh­len ha­ben soll.

In einer Zeit, in der Eu­ro­pa nach dem Bo­xer­auf­stand vol­ler Neu­gier auf Chi­na blick­te, wur­den die Bü­cher zu in­ter­na­tio­na­len Best­sel­lern. Back­house galt fort­an als Ko­ry­phäe. Die Wis­sen­schaft pries ihn als be­deu­tends­ten Si­no­lo­gen sei­ner Zeit; die Uni­ver­si­tät Lon­don be­rief ihn 1913 zum Pro­fes­sor, und auch Ox­ford be­müh­te sich um den Ken­ner, der flie­ßend Chi­ne­sisch und Rus­sisch sprach.

Edmund Backhouse Backhouse um­gab sich mit dem Nim­bus ei­ner Per­sön­lich­keit, die in den höchs­ten Krei­sen ver­kehr­te. Er be­haup­te­te, mit Wins­ton Chur­chill die Schul­bank ge­drückt zu ha­ben und zum Kreis um Os­car Wilde zu ge­hö­ren. Zu sei­nen an­geb­li­chen Be­kannt­schaf­ten zähl­ten nam­haf­te Per­sön­lich­kei­ten wie Paul Ver­laine, Hen­ry James, Leo Tols­toi und so­gar Zar Ni­ko­laus II. In Pa­ris woll­te er Sa­rah Bern­hardt von sei­ner „Len­den­kraft“ über­zeugt ha­ben – Be­haup­tun­gen, für die sich spä­ter in kei­nem Nach­lass der Ge­nann­ten je­mals ein Be­leg fand.

Auch als Mäzen trat er spek­ta­ku­lär auf. Er be­dach­te die Bod­leian Li­bra­ry in Ox­ford mit um­fang­rei­chen Schen­kun­gen: Über 30.000 sel­te­ne Exem­pla­re und ton­nen­wei­se kost­ba­re Ori­gi­nal­hand­schrif­ten soll er nach Eng­land ver­schifft ha­ben, was ihn zum Hel­den der aka­de­mi­schen Welt mach­te.

Hinter der wis­sen­schaft­li­chen Fas­sa­de agier­te Back­house als schil­lern­der Ge­schäfts­mann und Ge­heim­a­gent. Er ar­bei­te­te als In­for­mant für den Times-Kor­res­pon­den­ten George Mor­ri­son und für die bri­ti­sche Re­gie­rung. Wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs be­trau­te man ihn mit der ge­hei­men Be­schaf­fung von Waf­fen.

Dabei nutzte er stets die­sel­be Tak­tik: Er iso­lier­te sei­ne Auf­trag­ge­ber von den an­geb­li­chen chi­ne­si­schen Ver­hand­lungs­part­nern und stei­ger­te die Gier der Ge­gen­sei­te durch im­mer fan­tas­ti­sche­re An­ge­bo­te. Statt der ur­sprüng­lich ge­plan­ten 30.000 Mau­ser-Ge­weh­re ver­sprach er schließ­lich 200.000 Stück so­wie Kriegs­schif­fe. Gro­ße Sum­men wur­den be­reit­ge­stellt, Schif­fe ge­char­tert – doch die Waf­fen ka­men nie an. Back­house über­brück­te das Aus­blei­ben der Lie­fe­rung jah­re­lang durch das Er­fin­den ei­ner „nicht ab­rei­ßen­den Se­rie von aus­ge­sucht ori­en­ta­li­schen Hin­der­nis­sen“.

Backhouse, der sich be­reits wäh­rend sei­nes Stu­diums in Ox­ford von den Tra­di­tio­nen sei­ner Quä­ker­fa­mi­lie ent­fernt hat­te, floh vor dem rie­si­gen Schul­den­berg, den er in den 1890er Jah­ren an­ge­häuft hat­te, nach Chi­na, ohne sein Stu­dium be­en­det zu ha­ben. Erst Jahr­zehn­te nach sei­nem Tod als „Ere­mit von Pe­king“ – er starb 1944 ver­armt und zu­rück­ge­zo­gen – wurde das Aus­maß sei­nes Be­trugs voll­ends sicht­bar.

Im Jahr 1973 wurden sei­ne Me­moi­ren, die er dem Schwei­zer Arzt Pro­fes­sor Rein­hard Hoepp­li über­las­sen hat­te, dem bri­ti­schen His­to­ri­ker Hugh Tre­vor-Ro­per zur Be­wer­tung über­ge­ben. Die­se Auf­zeich­nun­gen wa­ren ein letz­tes Zeug­nis sei­ner Fan­ta­sie: ein Sün­den­re­gis­ter vol­ler ho­mo­e­ro­ti­scher Aben­teu­er und ei­ner an­geb­li­chen Af­fä­re mit der Kai­se­rin­wit­we selbst.

Trevor-Ropers jah­re­lan­ge Re­cher­chen, ver­öf­fent­licht 1976 in „A Hid­den Life: The Enig­ma of Sir Ed­mund Back­house“ ent­larv­ten das Le­bens­werk Stück für Stück: Die be­rühm­ten Ta­ge­bü­cher des Jing Shan wa­ren Fäl­schun­gen. Die kost­ba­ren Schrif­ten, für die er hohe Sum­men kas­siert hat­te, exis­tier­ten oft gar nicht oder stamm­ten aus sei­ner ei­ge­nen Fe­der. Sei­ne di­plo­ma­ti­schen und ge­schäft­li­chen Er­fol­ge wa­ren er­stun­ken und er­lo­gen.

Trevor-Roper zeich­net das Bild ei­nes Man­nes, der trotz sei­ner un­be­strit­te­nen lin­guis­ti­schen Ge­ni­a­li­tät ein „be­mer­kens­wer­ter Schur­ke“ war. In ei­ner fast schon tra­gi­schen Iro­nie der Ge­schich­te wur­de Tre­vor-Ro­per, der Ent­lar­ver von Back­house, spä­ter selbst Op­fer ei­ner Fäl­schung: 1983 fiel er auf die vom „Stern“ prä­sen­tier­ten Hit­ler-Ta­ge­bü­cher he­rein. Back­house bleibt als ei­ner der größ­ten Hoch­stap­ler der Welt­ge­schich­te im Ge­dächt­nis, ein Mann, des­sen „Gleich­gül­tig­keit ge­gen­ü­ber der Wahr­heit“ erst durch Tre­vor-Ro­pers nüch­ter­ne, aber span­nen­de Ana­ly­se ans Licht kam.


Biographisches

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3. April 2026

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