Irene Vallejo:
Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern.
Aus dem Spanischen von Maria Meinel und Luis Ruby.
Diogenes Verlag 2022, 746 Seiten, ISBN 978 3 257 07198 6
Die spanische Literaturwissenschaftlerin Irene Vallejo erzählt in „Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern“ nicht nur von der Entstehung des Buches, sondern auch davon, wann der Mensch zu lesen begann und wie ihn das veränderte. Im Mittelpunkt stehen daher ebenso die Leser, Sammler und Buchliebhaber wie die Objekte selbst. Die Weltgeschichte wird nicht anhand einzelner Bücher nacherzählt, doch sie bilden das Scharnier, das es Vallejo erlaubt, zwischen den Zeiten und Kulturen zu migrieren. Die Basis bildet dabei die griechische und römische Antike mit nicht unwesentlichen Abschweifungen nach Ägypten und immer wieder in die Gegenwart.
Die Geschichte der Schrift, des Buches, der Bibliotheken und der Literatur als kulturelle Errungenschaft in ihren vielfältigen Erscheinungsformen bilden das inhaltliche Fundament des Buches. Vallejo schildert die Erfindung der Keilschrift und der Hieroglyphen sowie die Weiterentwicklung der Schrift in Griechenland und im Römischen Reich. Bei den Griechen wurde noch ohne Zeichensetzung und Worttrennung geschrieben, sodass Lesen eine anstrengende, auf lautes Lesen angelegte Tätigkeit war und sich stets an ein Publikum richtete. Erst als das Lesen zum privaten Vergnügen wurde, veränderte sich die Schrift in Richtung besserer Lesbarkeit. Parallel dazu wandelte sich das Medium von der Tontafel über die Papyrusrolle und den Pergamentkodex zum gedruckten Papierbuch und schließlich zum E-Book. Die Darstellung beginnt mit der ersten Schilfernte am Nil und reicht über die Erfindung des Alphabets bis in die Gegenwart.
Ein weiterer Strang widmet sich der Entstehung von Bibliotheken und der Sammelleidenschaft historischer Buchliebhaber. Die legendäre Bibliothek von Alexandria eröffnet das Buch und bleibt ein immer wiederkehrender Bezugspunkt. Gegründet mit dem Vorsatz, jedes jemals geschriebene Buch zu enthalten, wurde sie später unter Umständen zerstört, die Vallejo zu rekonstruieren versucht. Sie trägt zusammen, was die Quellen überliefern, und beschreibt ihre weltweiten Nachfolger. Wichtiger als der Ort ist ihr jedoch die faszinierende Idee der unerreichbaren Vollständigkeit.
Vallejo zeigt, dass sich Herrschende der Macht von Büchern bereits vor mehr als zweitausend Jahren bewusst waren, und wie es über die Epochen hinweg immer wieder zur Zerstörung von Büchern und ganzen Bibliotheken gekommen ist. Von der Anordnung des chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi, im Jahr 213 v. Chr. alle Bücher außer Weissagungen, medizinischem und landwirtschaftlichem Wissen zu verbrennen, über Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ bis zur Vernichtung der Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina in Sarajewo im Krieg von 1992 bis 1995 reicht die Spanne. Über Letzteres liegen eindrückliche Schilderungen von Augenzeugen vor, die Vallejo über mehrere Seiten hinweg in erschütternden und apokalyptischen Bildern wiedergibt.
Ein weiterer Strang fragt danach, wer wann und unter welchen Bedingungen lesen lernen durfte und wer schrieb oder veröffentlichte. Bei reichen Römern galt es als verpönt, mit Bildung Geld zu verdienen; Bücher wurden im Bekanntenkreis weitergegeben und bei Bedarf von Sklaven oder in Buchhandlungen abgeschrieben. Ein Urheberrecht im heutigen Sinn existierte nicht. Frauen blieb Bildung weitgehend vorenthalten, dennoch traten immer wieder Schriftstellerinnen hervor, von denen einzelne Verse überliefert sind. Der erste namentlich unterzeichnete Text der Welt stammt von einer Frau: Die Dichterin und Priesterin En-hedu-anna verfasste ihre Hymnen rund 1500 Jahre vor Homer.
Vallejo verknüpft die verschiedenen Stränge durch zahlreiche Querverweise und Vergleiche mit anderen Epochen und schlägt fortwährend Brücken in die Gegenwart. Von Alexandria führt der Weg etwa zu Borges' „Die Bibliothek von Babel“, zur Technik des Rollenlesens und schließlich zur Organisation des World Wide Web, in dem sich Alexanders Traum von einer Weltbibliothek im Prinzip erfüllen könnte.
Im letzten Kapitel begleiten wir 1000 Bibliothekarinnen durch die unwegsamsten Gegenden, um Menschen mit Büchern zu versorgen. Es ist die Zeit des New Deal und – man lese und staune – hatte erkannt, dass Bildung und geistige Anregung ebenso wichtig sind wie Arbeit und ein gutes materielles Auskommen. „1936 hatten die berittenen Bibliothekarinnen in Kentucky auf 5000 Meilen pro Monat 50.000 Familien und 155 Schulen erreicht und doch nur ein Zehntel der Anfragen abdecken können.“ 1943 endete die Finanzierung dieses nachahmenswerten Projekts.
„Papyrus“ ist kein stringent erzähltes Sachbuch. Vallejo hält sich an keine Chronologie, wechselt zwischen sachlicher Darstellung und assoziativen Vergleichen mit Literatur und Film und flechtet Persönliches aus Kindheit und Schreibleben ein. Es ist eine Fundgrube an Geschichten, Mythen und Fakten und nicht zuletzt eine Kulturgeschichte des Lesens. Eine unglaubliche Fülle an Informationen, auf leichte, sehr anschauliche und interessante Weise dargebracht. Der Band ist sorgfältig ediert und bietet im Anhang ein ausführliches Quellenverzeichnis, weiterführende Literatur und ein umfangreiches Personenregister. Und nicht zuletzt hat man sich mit der Gestaltung besondere Mühe gegeben. Es ist optisch und inhaltlich ein schönes und lesenswertes Buch geworden. Das 2019 erschienene spanische Original wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt und etwa 200.000 Mal verkauft.
Irene Vallejo (*1979) ist eine spanische Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Altphilologin. Für ihre Publikationen, deren Schwerpunkt auf der Antike liegt, wurde sie mehrfach ausgezeichnet.
24 September 2026