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In „Das Buch des Vaters“ wählt Urs Widmer einen radikal anderen Blickwinkel als im Vorgänger „Der Geliebte der Mutter“. Während die Mutter als tragische Figur in der unerwiderten Liebe zu einem berühmten Dirigenten aufging, rückt der Vater, Karl, als schillernder, aber scheinbar unspektakulärer Intellektueller ins Zentrum: Gymnasiallehrer, leidenschaftlicher Übersetzer französischer Literatur, kritischer Geist in den antifaschistischen Kreisen der Schweizer Zwischenkriegszeit. Doch sein Leben ist weniger von persönlicher Dramatik geprägt als von der stillen Hingabe an Bücher, Musik und die politische Utopie des Kommunismus, die er eher aus Freundschaft denn aus Überzeugung annimmt und später wieder verliert. Widmer verzichtet auf eine klassische Biografie und webt stattdessen biografische Fragmente zu einem hyperrealen literarischen Ereignis. Das „weiße Buch“ des Vaters, der darin akribisch sein Leben notiert hat, wird nach dessen Tod von der Mutter vernichtet. Der Sohn wird es rekonstruieren. Was dabei entsteht, ist kein sentimental-nostalgisches Porträt, sondern eine scharfzüngige, satirische Annäherung an einen Mann, der zwischen Bohème und bürgerlicher Pflicht oszilliert, ein „Versager“ nach Maßstäben der Leistungsgesellschaft, doch ein leidenschaftlicher Träumer, impulsiv und dem Alltäglichen weitgehend entrückt. Widmer entwirft kein Psychogramm, sondern ein literarisches Echo – die Geschichte eines Mannes, der sich in Büchern verliert, während die Welt um ihn herum in den Abgrund des Faschismus taumelt. Die Initiationserlebnisse der Kindheit, die geheimnisvollen Riten im Heimatdorf, die frühe Begegnung mit der Dorfschönen verraten mehr über die Schimären der Erinnerung als über den Vater selbst. „Das Buch des Vaters“ kann man auch als Kontrast zu „Der Geliebte der Mutter“ lesen. Beide Bücher erzählen von zwei Menschen, die aneinander vorbeilebten, deren Leidenschaften sich nie berührten. Wie sehr, versteht man erst in der Gegenüberstellung der beiden Romane. Der Sohn, der beide Perspektiven darstellt, schafft so ein Spannungsfeld, die Rekonstruktion einer Familie, die sich im Nicht-Verstehen befand. Ein interessantes und lesenswertes Buch über die Unmöglichkeit, ein Leben wirklich zu begreifen und die Notwendigkeit, es trotzdem zu erzählen. Eine Beobachtung zum Schluss, die ich vielleicht überinterpretiere: Nach dem Tod des Vaters blättert der Sohn im „weißen Buch“ und stellt fest, dass die Aufzeichnungen mitten in einem Satz abbrechen. „Er hatte wohl den letzten Satz nicht zu Ende gekriegt, jedenfalls war da kein Punkt.“ (S. 18) Gegen Ende des Romans beschreibt er die Szene erneut. „Endlich las ich den letzten Eintrag und wurde nicht klug aus ihm: »17. Juni 1965. Schöner Abend doch noch. Ich weiß jetzt, wie sie heißt.«“ (S. 203) Entgegen der Behauptung auf Seite 18 ist der letzte Satz hier sehr wohl abgeschlossen. Und zwar durch einen Punkt! Hat das der Autor und das Lektorat übersehen? Unwahrscheinlich. Meine Interpretation geht dahin, dass die Beschreibung des Vaters und seines Lebens bis Seite 18 den biografischen Tatsachen entspricht und dann in die „Rekonstruktion“ des Sohnes übergeht. Der den Satz beendet und dem Buch damit einen Abschluss gibt. → Urs Widmer: Der Geliebte der Mutter 20. November 2025 |
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