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Urs Widmer Das Buch des Vaters Urs Widmer:
Das Buch des Va­ters. Ro­man.
Diogenes Ver­lag 2004, 209 Sei­ten, ISBN 3-257-06387-3

In „Das Buch des Va­ters“ wählt Urs Wid­mer ei­nen ra­di­kal an­de­ren Blick­win­kel als im Vor­gän­ger „Der Ge­lieb­te der Mut­ter“. Wäh­rend die Mut­ter als tra­gi­sche Fi­gur in der un­er­wi­der­ten Lie­be zu ei­nem be­rühm­ten Di­ri­gen­ten auf­ging, rückt der Va­ter, Karl, als schil­lern­der, aber schein­bar un­spek­ta­ku­lä­rer In­tel­lek­tu­el­ler ins Zen­trum: Gym­na­si­al­leh­rer, lei­den­schaft­li­cher Über­set­zer fran­zö­si­scher Li­te­ra­tur, kri­ti­scher Geist in den an­ti­fa­schis­ti­schen Krei­sen der Schwei­zer Zwi­schen­kriegs­zeit. Doch sein Le­ben ist we­ni­ger von per­sön­li­cher Dra­ma­tik ge­prägt als von der stil­len Hin­ga­be an Bü­cher, Mu­sik und die po­li­ti­sche Uto­pie des Kom­mu­nis­mus, die er eher aus Freund­schaft denn aus Über­zeu­gung an­nimmt und spä­ter wie­der ver­liert.

Widmer ver­zich­tet auf eine klas­si­sche Bio­gra­fie und webt statt­des­sen bio­gra­fi­sche Frag­men­te zu ei­nem hy­per­rea­len li­te­ra­ri­schen Er­eig­nis. Das „wei­ße Buch“ des Va­ters, der da­rin akri­bisch sein Le­ben no­tiert hat, wird nach des­sen Tod von der Mut­ter ver­nich­tet. Der Sohn wird es re­kon­stru­ie­ren. Was da­bei ent­steht, ist kein sen­ti­men­tal-nos­tal­gi­sches Por­trät, son­dern eine scharf­zün­gi­ge, sa­ti­ri­sche An­nä­he­rung an ei­nen Mann, der zwi­schen Bo­hème und bür­ger­li­cher Pflicht os­zil­liert, ein „Ver­sa­ger“ nach Maß­stä­ben der Leis­tungs­ge­sell­schaft, doch ein lei­den­schaft­li­cher Träu­mer, im­pul­siv und dem All­täg­li­chen weit­ge­hend ent­rückt.

Widmer ent­wirft kein Psy­cho­gramm, son­dern ein li­te­ra­ri­sches Echo – die Ge­schich­te ei­nes Man­nes, der sich in Bü­chern ver­liert, wäh­rend die Welt um ihn he­rum in den Ab­grund des Fa­schis­mus tau­melt. Die Ini­tia­tions­er­leb­nis­se der Kind­heit, die ge­heim­nis­vol­len Ri­ten im Hei­mat­dorf, die frü­he Be­geg­nung mit der Dorf­schö­nen ver­ra­ten mehr über die Schi­mä­ren der Er­in­ne­rung als über den Va­ter selbst.

„Das Buch des Va­ters“ kann man auch als Kon­trast zu „Der Ge­lieb­te der Mut­ter“ le­sen. Bei­de Bü­cher er­zäh­len von zwei Men­schen, die an­ei­nan­der vor­bei­leb­ten, de­ren Lei­den­schaf­ten sich nie be­rühr­ten. Wie sehr, ver­steht man erst in der Ge­gen­über­stel­lung der bei­den Ro­ma­ne. Der Sohn, der bei­de Per­spek­ti­ven dar­stellt, schafft so ein Span­nungs­feld, die Re­kon­struk­tion ei­ner Fa­mi­lie, die sich im Nicht-Ver­ste­hen be­fand. Ein in­te­res­san­tes und le­sens­wer­tes Buch über die Un­mög­lich­keit, ein Le­ben wirk­lich zu be­grei­fen und die Not­wen­dig­keit, es trotz­dem zu er­zäh­len.

Eine Beob­ach­tung zum Schluss, die ich viel­leicht über­in­ter­pre­tie­re: Nach dem Tod des Va­ters blät­tert der Sohn im „wei­ßen Buch“ und stellt fest, dass die Auf­zeich­nun­gen mit­ten in ei­nem Satz ab­bre­chen. „Er hatte wohl den letz­ten Satz nicht zu Ende ge­kriegt, je­den­falls war da kein Punkt.“ (S. 18) Ge­gen Ende des Ro­mans be­schreibt er die Sze­ne er­neut. „End­lich las ich den letz­ten Ein­trag und wur­de nicht klug aus ihm: »17. Juni 1965. Schö­ner Abend doch noch. Ich weiß jetzt, wie sie heißt.«“ (S. 203) Ent­ge­gen der Be­haup­tung auf Sei­te 18 ist der letz­te Satz hier sehr wohl ab­ge­schlos­sen. Und zwar durch ei­nen Punkt! Hat das der Au­tor und das Lek­to­rat über­se­hen? Un­wahr­schein­lich. Mei­ne In­ter­pre­ta­tion geht da­hin, dass die Be­schrei­bung des Va­ters und sei­nes Le­bens bis Seite 18 den bio­gra­fi­schen Tat­sa­chen ent­spricht und dann in die „Re­kon­struk­tion“ des Soh­nes über­geht. Der den Satz be­en­det und dem Buch damit ei­nen Ab­schluss gibt.


Urs Widmer: Der Ge­lieb­te der Mut­ter

20. November 2025

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