Alaa al-Aswani:
Der Jakubijân-Bau. Roman aus Ägypten.
Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich.
Lenos Verlag 2007, 372 Seiten, ISBN 978 3 85787 381 2
Der Roman besteht aus lose verknüpften Handlungssträngen, die sich von den frühen 1990er Jahren bis zum Ausbruch des Ersten Golfkriegs erstrecken. Als Schauplatz dient ein reales Art-déco-Gebäude in der Kairoer Prachtstraße Talaat Harb, das in 1930er Jahren durch europäische Architekten errichtet wurde. Damals war das Haus ein Symbol für eine frankophile Elite und die friedliche Koexistenz verschiedener Religionen und Lebensstile.
Der alternde Aristokrat Saki Bey al-Dassûki verkörpert das untergegangene, europäisch geprägte Ägypten vor der Revolution von 1952. Als ehemaliger Grundbesitzer, der durch die Revolution enteignet wurde, lebt er in Nostalgie und genießt die letzten Privilegien seiner Klasse. Saki Bey steht für eine Ära, in der noch Koexistenz zwischen verschiedenen Religionen und Lebensentwürfen möglich schien – ein Ägypten, das im Roman als unwiederbringlich verloren dargestellt wird. Er sehnt sich nach den vergangenen, liberaleren Zeiten zurück.
Taha al-Schâsli, der Sohn des Hausportiers, ist eine der zentralsten Figuren. Trotz exzellenter schulischer Leistungen wird ihm der Zugang zur Polizeischule verweigert – allein wegen der sozialen Herkunft seines Vaters. Diese Demütigung markiert den Beginn seiner Radikalisierung. Taha erlebt weitere Ungerechtigkeiten: Seine Verlobte Buthaina entfremdet sich von ihm, da sie als mittellose Frau gezwungen ist, sich den Avancen ihrer Vorgesetzten zu beugen, um zu überleben. Als Taha nach einer friedlichen Demonstration gegen den Golfkrieg gefoltert wird, schließt er sich den islamistischen Fundamentalisten an. Seine Radikalisierung ist keine ideologische Entscheidung, sondern eine Reaktion auf Ausgrenzung und Gewalt.
Buthaina illustriert die Ausbeutung von Frauen in einer von Armut und Machtungleichgewicht geprägten Gesellschaft. Nach dem Tod ihres Vaters muss sie für ihre Geschwister sorgen und verliert mehrfach ihre Stelle, weil sie sich gegen sexuelle Belästigung wehrt. Buthainas Beziehung zu Saki Bey, einem Mann ihrer Großelterngeneration, zeigt ihre Verzweiflung und den Mangel an Alternativen. Ihre Figur steht für die Zerrissenheit zwischen Tradition und Überlebensstrategien.
Hâtim Raschîd, der Chefredakteur einer französischsprachigen Zeitung, ist offen homosexuell. Al-Aswani beschreibt seine Beziehung zu jüngeren Männern und die Diskretion, mit der er sein Privatleben schützt. Die Akzeptanz durch die anderen Bewohner des Hauses spiegelt die ambivalente Haltung der Gesellschaft wider: Solange Tabus nicht offen gebrochen werden, werden sie geduldet.
Kamâl al-Fûlli und Hagg Muhammed Asâm verkörpern die Korruption und Machtmechanismen des Systems. Kamâl al-Fûlli ist die „graue Eminenz“, die im Hintergrund die Fäden zieht, während Hagg Muhammed Asâm als Neureicher durch politische Verbindungen und Bestechung seinen Reichtum und Einfluss ausbaut. Seine Zweitehe mit einer attraktiven Witwe, die er in einer Wohnung des Jakubijân-Baus unterbringt, zeigt die Heuchelei der Gesellschaft: Ehen werden als Geschäfte abgeschlossen, und Religion dient als Werkzeug der Macht. Kamal al-Fulli und Hagg Muhammed Asam verkörpern die verflochtene Welt aus Politik, Korruption und käuflicher Religion.
Scheich Schâkir, Prediger und geistiger Führer einer Gruppe junger Anhänger, die er dem islamistischen Terror zuführt. Taha gerät unter seinen Einfluss und wird schließlich Mitglied eines Kommandos, das die Exekution eines Offiziers der Staatssicherheit vornehmen soll, der verantwortlich für die Folterungen an Gefangenen gewesen ist, denen auch Taha zum Opfer gefallen war.
Der Jakubijân-Bau* ist ein vertikaler Querschnitt durch die ägyptische Gesellschaft: Während die Armen in den „Eisenkammern“ auf dem Dach leben, residieren die Reichen und Mächtigen in den unteren Stockwerken. Die Protagonisten sind eher Typen als individuelle Persönlichkeiten. Der Roman beschreibt eine Gesellschaft, in der Beziehungen wichtiger sind als Leistung, Korruption alle Ebenen des öffentlichen Lebens durchdringt und religiöser Fundamentalismus zunehmend das ehemals tolerantere Verständnis des Islam verdrängt. Frauen werden systematisch benachteiligt und ausgebeutet, während soziale Ungleichheit und Perspektivlosigkeit wachsen.
Der islamische Fundamentalismus ist nicht die eigentliche Krankheit, sondern lediglich deren Symptom – die tatsächliche Ursache ist die Diktatur, aus der Fanatismus, Korruption, Armut und Unrecht als Folgeerscheinungen erwachsen.
Alaa al-Aswani (*1957) lebt in Kairo und arbeitet als Zahnarzt, Hartmut Fähndrich, der Übersetzer des Romans, bezeichnet ihn in seinem Nachwort als Hobbyschriftsteller. Er engagiert sich in der ägyptischen Opposition mit scharfen Angriffen gegen die Korruption. „Der Jakubijân-Bau“ ist sein erster in deutscher Übersetzung erschienener Roman. Das Buch wurde in Ägypten ein Bestseller und erfolgreich verfilmt.
Mir haben die stilistische Klarheit des Textes und die präzise Beschreibung der Protagonisten und ihrer sozialen Verflechtungen sehr gefallen.
* Der Jakubijân-Bau wurde 1934 vom Oberhaupt der armenischen Gemeinschaft in Ägypten, Hagop Jakubijân, in Auftrag gegeben und finanziert.
22 Mai 2026