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Emmanuel Berl Geisterbeschwörung Emmanuel Berl
Geisterbeschwörung.
Aus dem Französischen von Dora Winkler.
Eichborn Verlag 1991, 337 Sei­ten
ISBN 3-8218-4083-8

Der 1976 in Paris verstorbene Emmanuel Berl ist in Deutsch­land weitgehend un­be­kannt, der vor­lie­gen­de Band aus der Reihe DIE ANDERE BIB­LIO­THEK (Bd. 83) enthält zwei seiner Bücher, die hier erstmals in deutscher Sprache er­schei­nen.

"Rachel und andere Gnaden" (1965 im Original erschienen) sowie "Sylvia" (1952 publiziert) sind au­to­bio­gra­fi­sche Re­fle­xio­nen des Autors und orientieren sich an den Frauen, die er geliebt hat. Jede dieser Frauen leiht einem Kapitel ihren Na­men und spiegelt ver­schie­de­ne Facetten des Autors, der von sich selbst schreibt: "Mein Le­ben ist gar nicht wie mein Le­ben. Es hat ihm nie ge­gli­chen." (S.145)

Der Autor beschreibt Sta­tio­nen seines Lebens anhand der Begegnungen mit Sylvia, die sich über mehrere Jahr­zehn­te erstrecken. Seine Mut­ter­bin­dung spielt dabei eine Rolle, sein ambivalentes Ver­hält­nis zur Nähe zu Sylvia und ihrer Welt, die er wünscht und vor der er doch zu­rück­schreckt sobald sie rea­li­sier­bar wäre. Er verliert sie aus den Augen, hört ihren Namen in Gesprächen, begegnet ihr erneut und es ist, als wären sie nur kurz getrennt ge­we­sen. Aber sie leben je­weils ihre eigenen Leben, die nichts miteinander zu tun haben, sie trennen Welten und die Ge­schich­te.

Der erste Teilband des Bu­ches er­schließt frag­men­ta­risch die Bio­gra­fie des Autors über acht Frau­en, die auf un­ter­schied­li­che Weise Teil sei­nes Lebens wa­ren und die er, auf ebenso un­ter­schied­li­che Weise, geliebt hat. "Meine Vergangenheit ist ein riesiger Haufen ver­bli­che­ner Lieben, zerbrochener Freund­schaf­ten, enttäuschter Hoffnungen, über­stan­de­ner Schick­sals­schlä­ge, von denen, stelle ich manchmal fest, nichts geblieben ist, nicht einmal in meiner Erinnerung." S. 24

Männer tauchen nur epi­so­disch auf – obwohl Berl viele Kon­tak­te zur kulturellen Pro­mi­nenz seiner Zeit hatte –, nur zwei verdienen größere Be­ach­tung: Marcel Proust, mit dem er einige Zeit befreundet war und den er oft sah, und Francois Fénelon, ein geist­li­cher Frühaufklärer, der ihm spiritueller und intellektueller Kompass war. Berls Fazit seines Lebens: "... ich bin ein Mensch der vergeblichen Ge­wiß­hei­ten. Kein Mensch ge­rin­gen Glaubens, kein Mensch der Zweifel, ich zweifle wenig, ich bin mir eher der Dinge gewiß und dulde keinen Widerspruch.
Aber diese Gewißheiten be­wir­ken nichts, führen zu nichts. Das kommt, denke ich, daher, daß ich mir oft der Dinge gewiß bin, aber nie Vertrauen habe.
Ich vertraue auf nichts und auf niemanden, angefangen mit mir selbst." S. 333

Emmanuel Berl (1892 – 1976) arbeitete als Journalist, Es­say­ist und Lektor, gründete meh­re­re Zeitschriften und war be­freun­det mit Breton, Coc­teau, Colette, Aragon, Mal­raux und anderen. Literarisch sehr pro­duk­tiv galt er als wenig ehr­gei­zig, weshalb – so die Meinung einiger Li­te­ra­tur­his­to­ri­ker – seine literarischen Er­fol­ge überschaubar blieben. Ich empfand die Lektüre dieses Buches als einen Ge­winn.

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4. Dezember 2023

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