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Peter Berthold: Vogelzug Peter Berthold
Vogelzug.
Eine kurze, aktuelle Ge­samt­über­sicht.
Wissenschaftliche Buch­ge­sell­schaft 1990, XII/252 Seiten
ISBN 3-534-10541-9

Vor vielen Jahren wur­de ich un­er­war­tet Zeu­ge ei­nes be­ein­dru­cken­den Vo­gel­zugs. Es war ein reg­ne­ri­scher Tag in der Wet­ter­au, vor uns eine dunkle Wol­ken­wand, aus der ein Zug Kra­ni­che her­vor­brach. Und noch einer, im­mer mehr, bis es schließ­lich 7 oder 8 mit zwi­schen ca. 20 und 50 Exem­pla­ren pro Zug ge­wor­den wa­ren, die sich, kaum hatten sie die Wolken ver­las­sen, von ei­nem ther­mi­schen Aufwind spi­ral­för­mig in eine hö­he­re Luft­schicht tra­gen lie­ßen. Dort for­mier­ten sie sich zu der ty­pi­schen V-For­ma­tion und zo­gen unter rau­em Kräch­zen wei­ter ihren Win­ter­quar­tie­ren ent­ge­gen. Wir stan­den noch lan­ge im Nie­sel­re­gen und staun­ten über die­ses ar­cha­isch wir­ken­de Er­le­ben. Ich habe schon häu­fi­ger Kra­nich­zü­ge be­ob­ach­ten können, immer ha­ben sie ei­nen tie­fen Ein­druck bei mir hin­ter­las­sen, un­über­trof­fen je­doch blieb dieser Wet­ter­au­er Re­gen­tag, der mir noch im­mer Gän­se­haut ver­ur­sacht. (Richard Powers be­schreibt auf nahezu my­thi­sche Wei­se in "Das Echo der Zeit" den ewigen Zug der Kra­niche.)

Jedes Jahr befinden sich ca. 50 Milliarden Zugvögel auf dem Weg zu ihren Brut­plätzen und wieder zurück, manche über­win­den dabei Ent­fer­nun­gen bis zu 30.000 km und Hin­der­nis­se wie den Himalaya, die Al­pen oder die Sahara.

In Peter Bertholds "Vogelzug" geht es um alle Arten von Vo­gel­zü­gen: Kurz-, Mittel- und Lang­stre­ckenzü­ge, um Teil­zie­her (ein Teil der Population zieht weg, ein anderer bleibt) und Stand­vö­gel, die nur bei Fut­ter­not oder dem Einfall an­de­rer Vo­gel­ar­ten ihren Stand­ort ver­las­sen, um sich an­ders­wo – tem­po­rär oder dauerhaft – nie­der­zu­las­sen.

Beschrieben werden die Aus­lö­ser für das Zugverhalten und die verschiedenen Arten der Na­vi­ga­tion (Sonnen- oder Ster­nen­kom­pass, Orientierung an Land­mar­ken oder dem Erd­mag­net­feld) sowie die Weg­stre­cken, die zurück gelegt wer­den, wobei diese durchaus bis zu einem gewissen Grad fle­xi­bel sind.

Vom Beginn der Vogel­beob­ach­tung (von Aris­toteles über Fried­rich den II. bis in die Ge­gen­wart) bis zu einer Prog­no­se der durch den Kli­ma­wan­del be­ding­ten Ver­än­de­run­gen im Zug­ver­hal­ten der Vögel reicht die Dar­stel­lung des Phä­no­mens, erläutert durch um­fang­rei­che statistische Er­he­bun­gen. Phy­sio­lo­gi­sche As­pek­te (Zug­vö­gel verfügen in der Re­gel über län­ge­re und spit­ze­re Flügel als Standvögel) wer­den ebenso be­rück­sich­tigt wie un­ter­schied­li­che Ansätze zur Er­for­schung des Vogel­flugs.

Der Text ist nicht aktuell (eine ak­tu­a­li­sier­te Auflage ist 2017 er­schie­nen), so wird der Rück­gang des Weißstorchs (von 1057 Paaren in Deutschland im Jahr 1974 zu 649 Paaren im Jahr 1984) beklagt, wo­hin­ge­gen 2017 wieder 6756 Brut­paa­re ge­zählt wurden. Sicher­lich hat auch die Forschung über das Zug­ver­hal­ten von Vö­geln Fortschritte gemacht, die noch nicht be­rück­sich­tigt wer­den konnten. Dennoch fand ich die Lektüre in­te­res­sant, weil ich von dem Thema bis­lang über­haupt keine Ah­nung hatte.

In der umfangreichen Lite­ra­tur­lis­te am Ende des Bandes taucht übrigens auch ein Autor mit Namen "Nachtigall" auf, der über "Vo­gel­flug und Vo­gel­zug" ge­schrie­ben hat.

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30. März 2021

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