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Autoren Glossen Lyrik

Peter Carey Mein Leben als Fälschung Peter Carey
Mein Leben als Fäl­schung.
Aus dem Englischen von Regina Rawlinson.
S. Fischer Ver­lag 2004, 286 Sei­ten
ISBN 3-10-010226-6

Die englische He­raus­ge­be­rin einer Ly­rik­zeit­schrift, Sarah Wo­de-Dou­glass, wird von dem Er­folgs­au­tor John Slater als Mit­rei­sen­de nach Kua­la Lum­pur ein­ge­la­den. Sla­ter ist ein et­was aus den Fugen ge­ra­te­ner Frau­en­held mit un­durch­sich­ti­gen Be­zie­hun­gen zu Eng­lands In­lands­ge­heim­dienst MI5. Sa­rahs In­te­res­se wird durch ei­ni­ge mys­te­riö­se Be­mer­kun­gen Slaters ge­weckt und sie reisen nach Ma­lay­sia.

Bei einem Spaziergang zur Er­kun­dung der nä­he­ren Um­ge­bung be­ob­ach­tet Sarah ei­nen al­ten he­run­ter­ge­kom­me­nen Mann in einer Fahr­rad­werk­statt, der Rilke liest. Sla­ter er­klärt, dass es sich da­bei um den aus­tra­li­schen Dichter Chris­to­pher Chubb han­delt, der vor Zeiten in ei­nen Skan­dal ver­wi­ckelt ge­we­sen ist und, um den Fol­gen zu ent­kom­men, nach Kuala Lum­pur ge­flo­hen ist. Chubb hat­te David Weiss, dem am­bi­tio­nier­ten He­raus­ge­ber einer Li­te­ra­tur­zeit­schrift, Ge­dich­te ei­nes Bob Mc­Corkle zu­kom­men lassen, die die­ser be­geis­tert ver­öf­fent­lich­te. Chubb hatte die Ge­dich­te – eine An­samm­lung von Pla­ti­tü­den – selbst ge­schrie­ben und den Fahr­rad­me­cha­ni­ker Mc­Corkle er­fun­den, um den Ni­veau­ver­fall mo­der­ner Ly­rik an­zu­pran­gern und Da­vid Weiss bloß­zu­stel­len, der auf sei­nen Fake he­rein­ge­fal­len war. Nach­dem Chubb selbst da­für ge­sorgt hatte, dass die Fäl­schun­gen auf­flo­gen, kam es zum Pro­zess ge­gen David Weiss, der sich in der Fol­ge des Skan­dals um­brach­te.

Doch da taucht Bob Mc­Corkle als leibhaftige Ge­stalt auf und be­drängt Chubb, durch ei­ne Ge­burts­ur­kun­de sei­ne Exis­tenz zu le­gi­ti­mie­ren. Nous­set­te, ei­ne selbst­be­wuss­te, aber auch et­was un­durch­sich­ti­ge junge Frau, mit der Chubb in­zwi­schen ei­ne nicht ganz klar zu de­fi­nie­ren­de Be­zie­hung ein­ge­gan­gen ist, be­sorgt über Sla­ter, der sei­ne Be­zie­hun­gen aus Ge­heim­dienst­zei­ten spie­len lässt, ei­ne sol­che Ur­kun­de.

All das erfährt Sarah aus Er­zäh­lun­gen Sla­ters, aber auch Chubb, der eines Tages in dem Ho­tel auf­ge­taucht ist, in dem Sa­rah und Slater woh­nen, trägt seinen Teil dazu bei. Vor al­lem aber lockt er Sa­rah mit ei­nem Stapel Ge­dich­ten, die an­geb­lich von Mc­Corkle stammen. Doch be­vor sie Zugriff auf das Ma­nu­skript be­kom­men soll, muss sie sich die wei­te­re Ge­schich­te Chubbs an­hö­ren und die wird im­mer wil­der. Nous­set­te be­kommt eine Tochter, von der Chubb über­zeugt ist der Va­ter zu sein, die je­doch nach we­ni­gen Jahren von Mc­Corkle ent­führt wird als Rache für seine un­voll­stän­di­ge Exis­tenz. Chubb versucht sie auf­zu­spü­ren, es wird ei­ne Jagd über Kon­ti­nen­te und für viele Jahre, ein Hin­der­nis irr­wit­zi­ger als das Vor­he­ri­ge.

Und am Ende? Be­kommt Sa­rah das Ma­nu­skript und Chubbs sei­ne Tochter? Kann Mc­Corkle seine Ra­che voll­en­den und gibt es ihn überhaupt au­ßer­halb Chubbs Vor­stel­lun­gen? Wel­che Rolle spiel­te und spielt Slater bei dem Ganzen? Wer es wis­sen will, sollte die­ses verrückte und ra­sant ge­schrie­be­ne Buch ein­fach selbst lesen.

Übrigens ließ sich Ca­rey von einem ganz ähn­li­chen Fake in­spi­rie­ren, der sich in den 40er Jah­ren in Australien zu­ge­tra­gen hatte. Dem Buch vo­ran­ge­stellt ist ein Zitat aus Mary Shel­leys "Fran­ken­stein", ei­ne gute Vorbereitung auf die­se ei­gen­wil­li­ge Va­rian­te eines klas­si­schen Motivs. Ein ge­schickt kon­stru­ier­tes Netz aus Illu­sio­nen, Täu­schun­gen und Er­war­tun­gen, das immer wie­der für Ver­blüf­fung sorgt.

Peter Carey (*1943) ist ein australischer Schrift­stel­ler, der zwei­mal den Booker Prize und drei­mal den Com­mon­wealth Wri­ters' Prize ver­lie­hen be­kam.

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11. April 2024

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