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William Gaddis Das mechanische Klavier William Gaddis
Das mechanische Kla­vier.
Aus dem Ame­ri­ka­ni­schen von Mar­cus In­gen­daay
Manhattan Ver­lag 2003, 120 Sei­ten
ISBN 3-442-54551-X

"Das mechanische Kla­vier" ist Gad­dis' letztes und kürzestes Werk, es er­schien postum und ist trotz der frag­men­ta­ri­schen Anlage des Tex­tes so kom­plex wie sei­ne an­de­ren, er­heb­lich um­fang­rei­che­ren Bü­cher.

"Das mechanische Kla­vier" ist der innere Mo­no­log ei­nes Ster­ben­den, der sein letztes, noch un­voll­en­de­tes Werk über die Me­cha­ni­sie­rung der Küns­te und spe­ziell des Kla­viers be­en­den will und sich da­rü­ber in aus­schwei­fen­de As­so­zia­tions­strö­me ver­liert, die den Verfall der Kultur und des Ni­veaus, mit dem Kunst ge­schaf­fen und rezipiert wird, be­kla­gen. Wer wür­de da nicht so­fort an Tho­mas Bern­hard den­ken und in der Tat, der Er­zäh­ler fühlt sich von Bern­hard pla­gi­iert und zwar schon be­vor er selbst die Gedanken for­mu­liert hat, derer sich Bern­hard dann bedient.

Gaddis sammelte über Jahr­zehn­te Material für ein Werk über die Me­cha­ni­sie­rung der Kunst und wir le­sen über die er­staun­li­che Ent­wick­lung des me­cha­ni­schen Kla­viers und sei­nen Er­folgs­zug über die Welt. Es ist die Ge­burts­stun­de der Mas­sen­kunst und für den Erzähler der An­fang vom En­de all des­sen, was dem Le­ben Bedeutung ge­ge­ben hat, das Ende der wah­ren Kunst. Der Er­zäh­ler liegt in seinem Kran­ken­zim­mer in­mit­ten all der Un­ter­la­gen und No­ti­zen, die er für die Fer­tig­stel­lung sei­nes Wer­kes gesammelt hat. Der Un­ord­nung des Raums entsprechen die sprung­haft wech­seln­den Su­a­den des Kran­ken. Der Auf­lö­sung sei­nes Geis­tes und dem Ver­fall sei­nes Körpers setzt er – sich ver­geb­lich aufbäumend – sein im­men­ses Wissen ent­ge­gen, dem jedoch jede Struk­tur ab­han­den ge­kom­men ist. Pascal, Tols­toi, "Sigi" Freud, In­ter­net, Kul­tur­kri­tik, He­gel, Platon, doch im­mer wie­der – als einziges Kon­ti­nuum – das me­cha­ni­sche Kla­vier mün­den in die Re­sig­na­tion der Ver­geb­lich­keit.

Als ich das Buch anfing zu le­sen, war ich er­schro­cken als ich merk­te, dass der Text von kei­nem ein­zi­gen Absatz op­tisch struk­tu­riert wird. Vor mir lag ei­ne Blei­wüs­te, die ich ähn­lich schon bei Gaddis' "In letz­ter Instanz" und W.G. Se­balds "Aus­ter­litz" er­lebt und da­run­ter ge­lit­ten hatte. Zumal mir in bei­den Fäl­len die Sinn­haf­tig­keit dieser Form nicht nach­voll­zieh­bar war. Ganz an­ders bei "Das me­cha­ni­sche Klavier", das durch das Feh­len einer op­ti­schen Text­struk­tur den atem­los mo­no­lo­gi­schen Cha­rak­ter noch ein­dring­li­cher werden lässt.

William Gaddis (1922 – 1998) war ein US-ame­ri­ka­ni­scher Au­tor mit ei­nem über­schau­ba­ren und von der Kritik nicht ein­hel­lig bewerteten Werk. Gad­dis schrieb "Das me­cha­ni­sche Kla­vier" während sei­ner lan­gen und schmerz­haf­ten Krebs­er­kran­kung, der er schließlich auch er­lag.

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19. April 2024

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