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Donald W. Good­win: Alkohol & Au­tor Donald W. Good­win:
Alkohol & Autor.
Aus dem Englischen von Michael Pfister.
Edition Epoca 1995, 301 Seiten
ISBN 3-905513-00-5

Bis zum Ende der 70er Jahre des ver­gan­ge­nen Jahrhunderts gab es 7 US-amerikanische No­bel­preis­träger für Literatur: Sin­clair Lewis, Eugene O'Neill, Pearl S. Buck, William Faulkner, Er­nest Heming­way, John Stein­beck und Saul Bellow (Isaac Bashevis Singer, der den Preis 1978 erhielt, zählt Good­win nicht dazu, da er in Po­len ge­bo­ren wurde und aus­schließ­lich auf jiddisch ge­schrie­ben hat). 5 von ihnen wa­ren Alkoholiker (Lewis, O'Neill, Faulkner, He­ming­way, Stein­beck). Dieser ho­he An­teil ver­an­lass­te Good­win zu wei­te­ren Re­cher­chen und er kam zu dem Schluss: "Mit den Jah­ren wuchs meine Über­zeu­gung, daß der Al­ko­ho­lis­mus unter (ame­ri­ka­ni­schen) Schrift­stel­lern einer Epidemie gleich­kommt." S. 12

Konkret untersucht er dieses Phänomen an Leben und Werk von 8 Autoren, von denen 6 Amerikaner waren:

Edgar Allan Poe, bei dem sich Phasen der Abstinenz mit Ex­zes­sen abwechselten, er verlor mehrere Anstellungen durch sei­nen übermäßigen Al­ko­hol­kon­sum. Persönliche Tra­gö­dien (bei­de Eltern starben bevor er 4 Jahre alt war, Tod seiner Frau) mögen seine Anfälligkeit noch befördert ha­ben. Die Aus­ei­nan­der­set­zung darüber, ob Poe über­haupt Al­ko­ho­li­ker ge­we­sen ist, ist auch heute noch nicht verstummt, Good­win be­jaht es un­ein­ge­schränkt. Be­haup­tun­gen, Poe sei darüber hi­naus opium­ab­hän­gig gewesen, bezeichnet er als Spe­ku­la­tion, allerdings hält er es für möglich, dass Poe durch über­mä­ßi­gen Absinth­genuss massive psychische Störungen da­von getragen haben könnte. Man fand Poe eines Tages ver­wahr­lost und desorientiert auf der Straße, wenige Tage später war er tot.

F. Scott Fitzgerald, der gerne mit seiner Trinkerei posierte und sie übertrieb. Die Wi­der­sprüch­lich­keit seines Cha­rak­ters wur­de durch seinen Al­ko­ho­lis­mus noch aus­ge­präg­ter, er ge­riet mit seinen Freun­den und seiner Frau, Zel­da Fitz­gerald, im­mer wieder in Streit deshalb, seine Ge­sund­heit litt, sein We­sen änderte sich, am Ende erlag er – 44jährig – einem Herz­in­farkt.

Ernest Hemingway, der trink­fes­te Großwildjäger, ver­harm­los­te seine Abhängigkeit, war aber tatsächlich auch in der La­ge kontrolliert zu trinken, wenn er an einem literarischen Pro­jekt arbeitete. Zunehmend litt aber seine körperliche und geis­ti­ge Gesundheit unter den Exzessen, denen er sich immer wie­der hingab. In den letzten Jahren seines Lebens litt er an De­pres­sio­nen, verbunden mit Wahnvorstellungen, die auch durch eine Reduzierung seines Alkoholkonsums nicht mehr ge­lin­dert werden konnten. We­ni­ge Tage nach der Entlassung aus einer psychiatrischen Kli­nik nahm er sich das Leben.

John Steinbeck, gilt gemeinhin als starker Trinker, jedoch nicht als Alkoholiker. Good­win un­ter­sucht anhand einer um­fang­rei­chen Biografie von Jackson J. Benson (die leider nie in deut­scher Übersetzung erschienen ist), die Trink­gewohn­hei­ten Steinbecks mittels 20 Fragen, die zu Good­wins Zeiten als Maß­stab zum Nachweis von Alkoholismus galten. Demnach wä­re Steinbeck "mit hoher Wahr­schein­lich­keit" Al­ko­ho­li­ker ge­we­sen.

William Faulkner entstammt ei­ner Familie von Trinkern, sei­ne Ehe­frau war eben­falls Trin­ke­rin. Nach ersten li­te­ra­ri­schen Erfolgen schrieb er zahlreiche Dreh­bücher für Holly­wood-Pro­duk­tio­nen, in de­ren Vor­spann nicht einmal sein Na­me er­wähnt wurde. Sein li­te­ra­ri­scher Ruhm da­ge­gen wuchs und gipfelte 1949 in der Ver­lei­hung des Nobel­preises für Li­te­ra­tur. 1962 begab er sich in ein Sanatorium, wo er einen Herz­schlag erlitt und starb. "Von Beginn seiner Adoleszenz bis zum Tag vor seinem Tod trank er." (S. 166) Er gab sich ta­ge­lan­gen al­ko­ho­li­schen Exzessen hin, lebte immer mal wie­der für kur­ze Zeit abstinent, um schließ­lich umso schlimmer ab­zu­stür­zen.

Eugene O'Neill entsagte mit 37 Jah­ren nach einer sechs­wö­chi­gen psycho­analy­tischen Be­hand­lung vollständig dem Al­ko­hol (von einigen Abstürzen abgesehen). Er stammte aus einer iri­schen Al­ko­ho­li­ker­fa­mi­lie. O'Neill kam schon als Kind in Kon­takt mit Alkohol, sein Kon­sum nahm als Ju­gend­li­cher be­denk­li­che Ausmaße an und steigerte sich noch als Erwachsener.

Außerdem

Georges Simenon, der zwar in Bel­gien geboren wurde und lan­ge in Frankreich lebte, des­sen Alkoholkonsum aber erst in den USA – seiner eigenen Aussage nach – zum Problem wur­de. Er stammte aus einer al­ko­hol­feind­li­chen Familie, trank je­doch mit 14 erstmals Alkohol und fand Gefallen da­ran. Trank in Frankreich viel und regelmäßig, soll aber sel­ten betrunken ge­we­sen sein. Nach dem Krieg lebte er in den USA und die dor­ti­gen Trink­ge­wohn­hei­ten führten zu immer häufiger auf­tre­ten­den Ex­zes­sen. Als er sich selbst als Alkoholiker zu be­grei­fen be­gann, reduzierte er seinen Konsum beträchtlich und leb­te zeitweise völlig abstinent.

Malcolm Lowry, ein Engländer, der eben­falls lange in den USA ge­lebt hat. Er trank seit seiner Ju­gend fast täglich Al­ko­hol in größeren Mengen. In den Jah­ren in einer Hütte in Ka­na­da, wo er mit seiner zweiten Frau leb­te, hatte er seine Trin­ke­rei einigermaßen unter Kon­trol­le. Sein gesamtes Werk ist Aus­druck seiner Ab­hän­gig­keit. Außer seinem Hauptwerk "Un­ter dem Vulkan" und einem Jugendwerk wurde zu seinen Leb­zei­ten nichts von ihm veröffentlicht. Er hinterließ eine Vielzahl un­voll­en­de­ter Ma­nu­skripte als er nach einer Fla­sche Gin und ei­ner Überdosis Schlaftabletten starb.

Dass alle Genannten Al­ko­ho­li­ker gewesen sind, daran be­steht für Good­win kein Zweifel. Sonst aber bleibt vieles vage in seinen Ausführungen. Welchen Einfluss hatte der Alkohol auf das Werk der Autoren, schrie­ben sie besser im Suff oder tro­cken? Lässt sich das in der Analyse der Werke nachweisen oder wenigstens vermuten? Be­steht ein kausaler Zu­sam­men­hang zwischen Al­ko­ho­lis­mus und psychischen Stö­run­gen, un­ter denen die Autoren alle mehr oder weniger gelitten haben? Wa­ren die Psychosen Folge der Exzesse oder war es viel­leicht doch eher um­ge­kehrt? Zum Teil widersprechen sich die An­ga­ben Good­wins erheblich: Autoren, die seit ihrer Jugend kei­nen Tag ohne erhebliche Mengen Alkohol gelebt haben sol­len, beenden ihre li­te­ra­ri­schen Projekte dann aber doch dis­zi­pli­niert und abstinent. Das mindert den Wert der Lektüre lei­der, vielleicht ist das aber auch bloß Korinthenkackerei, und man sollte das Buch einfach als einen weiteren Beitrag zum gro­ßen Thema Rausch und Literatur betrachten.

11. Oktober 2022

Über Literatur

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