Was ist monströs?

"Der Name Heinrich Himmler und auch dessen Haus hat für Martin Bormann1 eine besondere, eine besonders gräuliche Bedeutung. Es war vielleicht ein Jahr vor Kriegsende, als er wieder mal mit seiner Mutter und der Schwester dort zu Besuch war. Und plötzlich sagte ganz feierlich Hedwig Potthast, Himmlers Sekretärin und Geliebte, sie möchte ihnen nun etwas sehr Interessantes vorführen, eine sehr eigene Sammlung ihres Chefs. Sie ging hinauf in das Dachgeschoss und öffnete einen Raum. Da standen Tische und Stühle, gemacht aus Teilen menschlicher Körper. Bei einem Stuhl war die Sitzfläche ein bearbeiteter Beckenknochen, bei einem anderen waren die Stuhlbeine aus Menschen­beinen samt Menschenfuß. Dann zeigte Frau Potthast eine Ausgabe von Mein Kampf, gebunden aus der Haut eines menschlichen Rückens. Bormann erinnert sich noch wie heute, wie medizinisch-nüchtern sie das alles erklärte. Wie geschockt und versteinert er und seine Schwester waren und wie die ebenfalls verstörte Mutter draußen sie dann versuchte zu trösten, mit dem Hinweis, dass Himmler ihrem Vater, dem Senior-Bormann2, eine solche Mein-Kampf-Ausgabe schicken wollte und er dies entsetzt abgelehnt habe. Das war ihm zuviel, wirklich, sagte die Mutter."

Norbert und Stephan Lebert: Denn Du trägst meinen Namen. Das schwere Erbe der prominenten Nazi-Kinder. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2002, S. 102f

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1. Adolf Martin Bormann (1930 – 2013), ältester Sohn Martin Bormanns, der 1946 im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden ist. Er trat später dem Orden der Herz-Jesu-Missionare bei und ist einer der wenigen Kinder von Hauptnazitätern, die sich kritisch mit ihren Eltern auseinander gesetzt haben. Seit 1987 gehörte er der Gruppe Täterkinder – Opferkinder an, die von Prof. Dan Bar-On geleitet wurde. Veröffentlicht hat Bormann seine Lebenserinnerungen unter dem Titel "Leben gegen Schatten" (Bonifatius Verlag 1996, ISBN 3-87088-901-2).

2. Martin Bormann, Privatsekretär Hitlers und zweitmächtigster Mann im national­sozialistischen Staat. Nach Kriegsende blieb Bormann zunächst unauffindbar, erst 1998 konnte anhand einer DNS-Analyse ein 1972 bei Bauarbeiten in Berlin gefundenes Skelett eindeutig ihm zugewiesen werden.

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28. Oktober 2005

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