Kassiber Gogol
Autoren Glossen Lyrik

Gogols Schatten Abram Terz (=Andrej Sin­jaws­ki):
Im Schatten Go­gols.
Aus dem Rus­si­schen von Swet­la­na Gei­er.
Propyläen Verlag 1979, 400 Sei­ten, ISBN 3 549 05577 3

Alexander Puschkin gilt als Be­grün­der der rus­si­schen Ly­rik, sein Zeit­ge­nos­se Ni­ko­lai Go­gol als Va­ter der rus­si­schen Pro­sa. Doch ihre Wer­ke könn­ten kaum un­ter­schied­li­cher sein: Pusch­kins Werk ist ge­prägt von Leich­tig­keit, Har­mo­nie und klas­si­scher Klar­heit. Go­gol hin­ge­gen schreibt dis­so­nant, exal­tiert, selt­sam dop­pel­bö­dig und be­klem­mend. Selbst sei­ne Ko­mik ist nie wirk­lich hei­ter. Sein La­chen wirkt zwar be­frei­end, ent­larvt aber gleich­zei­tig die Rea­li­tät wie un­ter ei­nem Ver­grö­ße­rungs­glas. Un­ter sei­nem Blick be­kommt das All­täg­li­che et­was Ab­grün­di­ges. Das Ver­trau­te wird fremd, das Ge­wöhn­li­che exo­tisch.

Zu diesem Bild passt auch Go­gols le­bens­lan­ge Be­schäf­ti­gung mit Tod, Ver­gäng­lich­keit und der Gren­ze zum Jen­seits. Er hat­te Angst da­vor, le­ben­dig be­gra­ben zu wer­den. In sei­nen Ge­schich­ten keh­ren Tote durch Ma­gie zu­rück, und selbst die „To­ten See­len“ wer­den durch ihre bü­ro­kra­ti­sche Er­wäh­nung wie­der le­ben­dig.

Doch Gogol ge­rät wie ein Zau­ber­lehr­ling in die Ge­walt sei­ner ei­ge­nen Fi­gu­ren. Die Ge­stal­ten, die er er­schafft – Spie­gel sei­ner ei­ge­nen Feh­ler und Ängs­te –, ver­fol­gen ihn. Er ver­sucht spä­ter, in den „To­ten See­len“ auch gute und tu­gend­haf­te Fi­gu­ren zu schaf­fen. Da­mit woll­te er sei­nem gro­ßen Plan ge­recht wer­den, das ge­sam­te rus­si­sche Le­ben dar­zu­stel­len. Doch die­se Auf­ga­be über­stieg sei­ne Kräf­te. Nach­dem er den ers­ten Teil der „To­ten See­len“ mit gro­ßer An­stren­gung be­en­det hat­te, konn­te er in den letz­ten zehn Jah­ren sei­nes Le­bens kein be­deu­ten­des Werk mehr voll­en­den.

Hier, am End­punkt der künst­le­ri­schen Ent­wick­lung Go­gols, setzt Sin­jaws­kis de­tail­lier­te Ana­ly­se an. Sin­jaws­ki weist nach, dass sich der spä­te Go­gol – der von Rom aus sein Werk als un­nüt­zen Tand ver­dammt, ein ra­tio­na­lis­ti­sches Chris­ten­tum und grö­ßen­wahn­sin­ni­ge Heils­bot­schaf­ten ver­kün­det – kei­nes­wegs be­wusst vom Künst­ler zum Buß­pre­di­ger ent­wi­ckel­te. Viel­mehr führten ge­ra­de Go­gols hohe An­sprü­che an sei­ne Kunst zu die­ser Kri­se.

Nach dem großen Er­folg des „Re­vi­sors“ – Go­gols Meis­ter­werk der Sa­ti­re und des phan­tas­ti­schen Re­a­lis­mus – hat­te die Ar­beit an den „To­ten See­len“ ihm eine so hohe Über­zeu­gung von sei­nen Fä­hig­kei­ten und Mög­lich­kei­ten ver­mit­telt, dass er je­des Maß ver­lor und sich für ein Ge­fäß gött­li­chen Wil­lens zu hal­ten be­gann. In sei­nem Stre­ben nach mo­ra­li­scher und künst­le­ri­scher Voll­kom­men­heit ver­lor er je­doch die Leich­tig­keit sei­nes Schrei­bens und sei­ne schöp­fe­ri­sche Kraft.

Sein Gefühl, eine be­son­de­re Mis­sion zu ha­ben, blieb je­doch be­ste­hen. In sei­nen spä­te­ren re­li­giö­sen und mo­ra­li­schen Pre­dig­ten sprach er von der Ret­tung der ei­ge­nen See­le, Russ­lands und so­gar der gan­zen Mensch­heit. Da­hin­ter ver­barg sich je­doch vor al­lem Ver­zweif­lung da­rüber, dass er sei­ne ei­gent­li­che Auf­ga­be – das Schrei­ben gro­ßer Li­te­ra­tur – nicht mehr er­fül­len konn­te.* Nach Sin­jaws­kis Deu­tung hät­te Go­gol bis zu­letzt al­les für die Fä­hig­keit ein­ge­tauscht, wie­der schrei­ben zu kön­nen.

Andrej Sinjawski (1925–1997), Schrift­stel­ler, Li­te­ra­tur­his­to­ri­ker und Li­te­ra­tur­kri­ti­ker, ver­öf­fent­lich­te sei­ne Tex­te im Aus­land als Abram Terz, da er in der Sow­jet­u­ni­on Re­pres­sio­nen zu be­fürch­ten hat­te. Nach der Ent­tar­nung sei­nes Pseu­do­nyms wur­de er we­gen anti­sow­je­ti­scher Pro­pa­gan­da zu sie­ben Jah­ren Ar­beits­la­ger ver­ur­teilt. 1973 er­folg­te sei­ne Aus­rei­se nach Frank­reich, wo er in der Sor­bonne rus­si­sche Li­te­ra­tur lehr­te.


* „Privatpersonen, unter an­de­rem Ärz­te, die Go­gol kurz vor sei­nem Tod un­ter­such­ten, ha­ben be­kannt­lich die Mei­nung ge­äu­ßert, daß Go­gol sich ei­gent­lich zu Tode ge­hun­gert habe, weil er sein Le­ben, nach­dem sei­ne schrift­stel­le­ri­sche Be­ga­bung ver­siegt war, für sinn­los hielt.“ S. 77

13. Mai 2026

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