Kassiber Kassiber
Autoren Glossen Lyrik

Stasiuk: Hinter der Blechwand Andrzej Stasiuk
Hinter der Blechwand.
Roman. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall.
Suhrkamp Verlag 2011, 348 Seiten
ISBN 978-3-518-42254-0

Pawel und Wladek tingeln mit einem nahezu schrottreifen Lieferwagen von Polen aus durch Südosteuropa. Sie handeln mit gebrauchten Westklamotten, bieten ihre Waren auf Trödel- und Jahrmärkten an. Mit schwindendem Erfolg. Denn die Märkte werden überschwemmt mit chine­sischer Billigware, die nach kurzem Gebrauch nicht mehr verwendungsfähig ist. Das Geld ist knapp, die Stimmung ist mies, Trostlosigkeit liegt wie ein dichter Nebel über dem Geschehen.

Die Infrastruktur der Gegenden, die sie bereisen, ist zerstört, die Menschen sind arm und ohne Hoffnung. Pawel ist der Fahrer, Wladek schwadroniert von besseren Zeiten, von legendären Deals, an denen er beteiligt war. Pawel hört zu, fragt sich manchmal, was er davon glauben soll, Wladek ist ihm ein Rätsel.

Die beiden geraten an zwielichtige Gestalten und in einen Strudel, der sie schließlich Menschen illegal über Grenzen bringen lässt. Und dennoch gibt es ein Happy End, was kaum noch zu erwarten war.

Eine Road Novel durch Verwahrlosung, Armut und Hoffnungslosigkeit, wo sich Handel und Kriminalität vermischen, wo einige den großen Reibach machen und die Vielen nicht mal mehr Träume zu verlieren haben. Der Eiserne Vorhang, der jahrzehntelang Europa durchschnitt, ist zur Blech­wand mutiert, die immer noch wirkungsvoll die beiden Teile des Kontinents trennt.

Verschiedene Zeitebenen lassen die Chronologie der Ereignisse erst langsam zum Vorschein kommen. Der Stil ist meistenteils so rüde, wie die Umgangsformen der Protagonisten, dagegen sind die Landschafts­schil­derungen von elegischer Schönheit. Keine leichte Lektüre, bei mir hat es eine Weile gedauert, bis ich Zugang zum Text gefunden hatte.

Zitate:

"Alle beschäftigten sich nur provisorisch mit dem Leben. Sie warteten ab, in der Hoffnung, daß alles auf den Kopf gestellt wird, daß alles ganz anders wird, als es ist, daß die Letzten endlich die Ersten sein werden." S. 10

"Das war der Refrain dieser Stadt: 'Es lohnt sich nicht.'" S. 47

"Ich mochte die ruhige Verzweiflung dort. Die Typen saßen da und tauschten Erinnerungen aus. Keiner redete von der Zukunft. Alles war schon geschehen, die Ereignisse hatten sich erschöpft." S. 68

"Rechter Hand hinter dem Dorf, ein Stück von der Straße entfernt, lag ihre Siedlung. Alles zerbrochen, zerbröckelt, erbärmliche Ruinen, man konnte den Blick nicht abwenden. Verrostetes Blech, rohes Holz, Abrißziegel, Lehm und Steine aus dem Fluß. Als hätte all das der Wind entführt und hergetragen, eine Kulisse des Jüngsten Gerichts." S. 248

"Man spürte die Nähe der Stadt. Sie begann mit Schutthalden, mit Anfängen von Gebäuden, deren Fundamente man in die felsige rote Erde trieb. Keine Bäume, nichts, nur Gruben, Abhänge und herausragende Betonskelette." S. 340

----------------------------

10. März 2021

Gelesen : Weiteres : Impressum