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Volker Weidermann: Träumer Volker Weidermann
Träumer
Als die Dichter die Macht über­nahmen
Kiepenheuer & Witsch 2017, 288 Seiten
ISBN 978-3-462-04714-1

Der Erste Welt­krieg liegt in den letz­ten Zü­gen, da ver­sam­meln sich am 7. No­vem­ber 2018 Zehn­tau­sen­de auf der Münch­ner The­re­sien­wie­se, um ge­gen den Krieg zu pro­tes­tie­ren. Der So­zial­de­mo­krat Erhard Auer ver­sucht die Mas­sen zu be­ru­hi­gen, während an anderer Stel­le Kurt Eisner zur Re­vo­lu­tion auf­ruft. Ihm fol­gen die Mas­sen als er von Ka­ser­ne zu Ka­ser­ne zieht, und die kriegsmüden Sol­da­ten schließen sich ihm in gro­ßer Zahl an. Man ver­sam­melt sich er­neut, es wird ein Ar­bei­ter-, Sodaten- und Bau­ern­rat gewählt, Waffen werden ver­teilt, die öffentlichen Gebäude der Stadt besetzt. König Lud­wig III. flieht mit Familie und Entourage aus der Stadt, in der Nacht wird der Land­tag be­setzt. Eisner ruft sich zum pro­vi­sorischen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten aus und erklärt Bayern zum Frei­staat.

Ebenfalls am 7. November be­sucht Tho­mas Mann mit seiner Frau Hans Pfitz­ners Oper Pa­les­tri­na. Man be­schließt den Abend im Bei­sein des Kom­po­nis­ten, des Di­ri­gen­ten Bru­no Wal­ter so­wie Wal­ter Braun­fels, der schon mit ei­ni­gen mo­der­nen Kom­po­si­tio­nen auf sich auf­merk­sam ge­macht hat­te. Re­vo­lu­tion? Welche Re­vo­lu­tion?

In den nächsten Tagen und Wo­chen wer­den Ver­samm­lun­gen ab­ge­hal­ten, Mi­nis­ter­pos­ten be­setzt, es soll eine Struk­tur ent­ste­hen, die der re­vo­lu­tio­nä­ren Po­li­tik Rech­nung trägt. Selbst die So­zi­al­de­mo­kra­ten wer­den be­rücksichtigt, die sich doch so vehement gegen Rä­te und Revolution ausgesprochen ha­ben.

Am 17. November findet im Na­tio­nal­thea­ter eine Revo­lu­tions­feier statt. Beethovens Leo­no­ren-Ouvertüre wird von Bru­no Wal­ter di­ri­giert, Eisner spricht in einer mit­reißenden Re­de von der neuen Welt, de­ren Keim­zelle gerade in Mün­chen am entstehen ist. Per­ma­nen­te und di­rek­te De­mo­kra­tie, rea­li­siert durch das Rä­te­sys­tem, soll das Volk zum un­mit­tel­ba­ren Macht­ha­ber, zum Ge­stal­ter des po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Le­bens er­he­ben.

Am 25. November reist Eisner nach Berlin zum Treffen der deut­schen Minister­prä­si­den­ten. Er erfährt dort keine Un­ter­stüt­zung für sei­nen Plan, die deut­sche Kriegs­schuld ein­zu­ge­ste­hen, auch um die Sieger kom­pro­miss­be­reit für die fol­gen­den Frie­dens­ver­hand­lun­gen zu ma­chen.

Aber auch in München ver­liert er zu­neh­mend den Rück­halt bei sei­nen ehe­ma­li­gen Ver­bün­de­ten, die ihre eigenen Pläne ver­fol­gen. Die Stim­mung ge­gen ihn wird ag­gres­si­ver, die La­ge ist ge­reizt. Als es wäh­rend ei­ner De­mons­tra­tion von einigen tausend Arbeitslosen zu Tätlichkeiten kommt, lässt Eisner einige seiner ehe­ma­li­gen Mit­strei­ter ver­haf­ten. Die Einheit der Linken ist spätestes jetzt zerstört.

Für den 12. Januar sind Wah­len für den Land­tag an­ge­setzt, Eis­ners USPD er­reicht 2,5%, die SPD kommt auf 33%, die kon­ser­va­ti­ve Bay­ri­sche Volks­par­tei er­reicht 35%. Ein De­sas­ter, Eis­ner ist ge­schei­tert. Aber bis zur kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung des Landtags am 21. Februar 1919 wird er im Amt bleiben.

Eisner reist nach Berlin zur In­ter­na­tio­na­len Sozialisten­kon­fe­renz. Dort prangert er die So­zial­demokraten als Kriegs­be­für­wor­ter an, er­klärt erneut die deutsche Kriegs­schuld und bie­tet Frankreich den Ein­satz deutscher Freiwilliger an, die die Schäden des Krieges be­sei­ti­gen helfen sollen. Die na­tio­na­le Presse schäumt, Eisner wird zum Ziel von Hass­kam­pag­nen. Derweil stellt Erhard Auer, der Füh­rer der Mehr­heits­sozial­demokraten sei­ne Ka­bi­netts­lis­te zusammen. Eis­ner steht nicht da­rauf, obwohl so­gar der Vorsitzende der Bay­ri­schen Volks­partei einen Mi­nister­posten für ihn ge­for­dert hat­te, um ei­ne möglichst breite Unterstützung der neuen Re­gie­rung zu er­rei­chen.

Auf dem Weg zum Landtag, in der Tasche seine Rück­tritts­er­klä­rung, wird Eisner am Mor­gen des 21. Februar von 2 Ku­geln tödlich ge­trof­fen. Der Schütze ist Graf von Arco auf Valley [1]. Er selbst wird von Schüssen anwe­sender Sol­da­ten verletzt, man findet einen Zet­tel bei ihm, auf dem er sei­ne Motive erklärt: Eisner sei Bol­sche­wist, "er ist Jude. Er ist kein Deutscher. Er ver­rät das Va­ter­land..." Im Parlament bricht ein Tumult los, die Nach­richt von der Er­mor­dung Eis­ners verbreitet sich wie ein Lauf­feuer in der Stadt, Men­schen rotten sich zu­sam­men, wollen Rache für seinen Tod.

Alois Lindner, ein Anhänger Eis­ners, macht sich auf den Weg zum Par­la­ment. Für ihn ist der So­zial­de­mo­krat Auer we­gen sei­ner kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Hal­tung ver­ant­wort­lich für den Tod Eisners, ihn will er zur Re­chen­schaft ziehen, ihn will er töten. Im Plenarsaal schießt er auf Auer und einige Minister. Auer wird schwer verletzt, zwei Menschen sterben. Lindner kann fliehen [2].

Der Arbeiter- und Soldatenrat tagt in Permanenz, die Re­gie­rung gibt es nicht mehr, ein Groß­teil der Ab­ge­ord­ne­ten flieht aus Mün­chen. Aus­gangs­sper­re.

Am 26. Februar findet die Bei­set­zung Eisners statt, 100.000 Men­schen geben ihm das letz­te Ge­leit von der There­sien­wiese zum Ost­fried­hof.

Ab jetzt gibt es zwei Par­al­lel­re­gie­run­gen: Der ab­wech­selnd in Nürn­berg und Bamberg ta­gen­de Landtag und der in Mün­chen aktive Zen­tral­rat, der vom SPD-Mann Ernst Niekisch ge­lei­tet wird. Die Lin­ke ist zer­stritten, die Stadt wird zum Expe­rimen­tier­feld für alles, was al­ter­na­tiv zur gewohnten Herr­schaft ist. Am 6. April tref­fen sich Ver­tre­ter ver­schie­de­ner linker Grup­pie­rungen mit Aus­nah­me der Kom­mu­nis­ten und rufen die Räterepublik Bayern aus [3]. Ernst Toller wird Prä­si­dent des Zen­tral­rats.

Aber die Kommunisten sind ge­gen diese Räterepublik und außer­halb Münchens ziehen sich Freicorps zu­sam­men, um den roten Spuk ein Ende zu be­rei­ten. Am 9. April be­schließen die Kom­mu­nis­ten das Ende der Rä­te­republik und stellen eine eigene Regierung auf. In der Stadt herrscht das Chaos, Teile der Repu­blikanischen Schutz­trup­pe lau­fen zu den Konter­revolutionären über, Erich Müh­sam, der keine politische Funktion innehat, aber als Anar­chist und Ju­de den Hass der Reaktion auf sich gezogen hatte, wird ver­haf­tet und später zu 15 Jahren Festungs­haft ver­ur­teilt werden. Der Zen­tral­rat wird für abgesetzt erklärt, die SPD un­ter­stützt die Put­schis­ten und die Bam­ber­ger Exil­re­gie­rung.

Auf den Straßen wird ge­kämpft, die Putschisten wer­den ver­trie­ben, ein neuer Zen­tral­rat aufgestellt. Dieses Mal mit Unterstützung der Kom­mu­nis­ten, die nach und nach die wich­tigs­ten po­li­ti­schen Ämter be­set­zen. Zur Ver­tei­di­gung der Stadt soll eine Ro­te Ar­mee auf­ge­baut wer­den.

Immer mehr Menschen sind des politischen Chaos über­drüs­sig, Un­mut wird laut, häu­fig hört man in­zwi­schen auch anti­semi­tische Tö­ne. Völ­kische Orga­nisationen wie die Thule-Gesellschaft wit­tern ih­re Chan­ce. Am 26. April werden einige ihrer Mitglieder ver­haf­tet. Frei­corps und Truppen der Reichs­regierung ziehen den Gür­tel um Mün­chen im­mer en­ger.

In der Nacht vom 30. April zum 1. Mai werden ins­ge­samt 10 ge­fan­ge­ne Weißgardisten und Mit­glie­der der Thule-Ge­sell­schaft von Rot­gar­dis­ten er­schos­sen. Am 1. Mai mar­schie­ren die Freicorps in Mün­chen ein, und es beginnt ein Ra­che­feld­zug ohne­glei­chen. Ge­gen Kom­mu­nis­ten, gegen Ju­den, gegen alle, die im Ver­dacht stehen mit der Rä­te­re­pu­blik zu tun gehabt zu ha­ben. Sie werden gejagt, ge­schla­gen, er­schos­sen. Der rei­ne Ver­dacht reicht aus. Am 2. Mai wird Gustav Landauer, der in der Räterepublik Be­auf­trag­ter für Volks­auf­klä­rung ge­we­sen ist, in seinem Ver­steck ver­haf­tet und we­nig später in Stadel­heim er­schos­sen. Es ist die Stunde, nein, es sind die Tage der De­nun­zi­an­ten. Hunderte ver­lie­ren in die­sen Ta­gen ihr Leben, sie werden auf dem Münchner Ost­fried­hof in langen Rei­hen gezeigt, um Verwandten und Freunden die Iden­ti­fi­zie­rung zu er­mög­li­chen.

Im Juni findet der Prozess ge­gen den Kom­mu­nisten­führer Eugen Le­vi­né statt, er wird er­war­tungs­gemäß verurteilt und gleich an­schlie­ßend stand­recht­lich er­schos­sen. Ernst Tol­ler kann sich über ei­nen Monat in München verbergen bevor er verhaftet wird. Er ver­bringt seine Haft im selben Gefängnis wie der Atten­täter Graf Arco, der allerdings weit vor ihm wieder entlassen wird.

Ein Nachwort widmet Weider­mann Carlos Ge­sell, dem Sohn Silvio Ge­sells, der während der Räte­republik eine Art Finanz­mi­nis­ter ge­we­sen ist. Carlos Ge­sell grün­de­te in Argen­tinien die Villa Gesell, ein Ort, in dem heute 30.000 Men­schen leben. Außerdem gibt Wei­der­mann ei­ne Über­sicht über die wei­te­ren Lebens­wege einiger Be­tei­lig­ter am Geschehen während dieser turbulenten Zeit.

Thomas Mann kommt nicht gut weg in den Schil­de­run­gen Wei­der­manns, die ihn als wan­kel­mü­ti­gen Charakter dar­stel­len, der an ei­nem Tag den ra­di­ka­len Neu­e­rungs­pro­zess be­grüßt, um ihn am nächs­ten mit harschen Worten zu ver­dam­men [4]. Zitiert werden zu­dem einige antisemitische Äu­ße­run­gen Thomas Manns [5].

Adolf Hitler wird als Mitläufer be­schrie­ben, der noch zur Bei­setzung Eis­ners mit roter Arm­binde in der Funktion eines stell­ver­tre­ten­den Ba­tail­lons­rats im Trauer­zug ge­se­hen wird. Erst nach der Niederlage der Republik dient er sich den neu­en Macht­habern als De­nun­ziant an.

Keineswegs als Träumer, wie der Titel des Buches lau­tet, son­dern durch­weg als ego­zen­tri­sche Spin­ner wer­den die Pro­ta­go­nis­ten der Rä­te­re­publik cha­rak­terisiert. Vor­ne­weg Erich Mühsam und Gustav Lan­dauer. Dabei stützt sich Weider­mann in langen Passagen auf die Er­in­ne­run­gen Oskar Maria Grafs (Wir sind Gefangene), die in ih­rer selbst­ironischen At­ti­tü­de sehr lesens­wert sind, als his­to­ri­sche Quel­le aber kaum ge­eig­net sind. Ähnliches gilt für Ben Hecht, der als Kor­res­pon­dent nach München ge­kom­men war, bis dahin eher als Klatsch­re­por­ter tätig ge­we­sen ist und kaum ein Wort Deutsch ver­stand. Mit Sym­pa­thie werden hingegen Eisner und Toller dar­ge­stellt, mehr Getriebene als Han­deln­de, die sich und ihre Mög­lich­kei­ten einfach über­schätzt ha­ben.

Der beschriebene Opern­be­such Thomas Manns am 7. No­vem­ber wä­re allerdings dazu an­ge­tan ge­we­sen, die ver­schie­de­nen We­ge auf­zu­zei­gen, die Intellektuelle in diesen und den folgenden Jahren ein­ge­schla­gen haben bzw. ein­schlagen muss­ten:

Thomas Mann, nach dem 1. Welt­krieg konservativ und mit nicht we­ni­gen antisemitischen Ressen­timents be­haf­tet, wan­del­te sich im Exil zum auf­rech­ten Gegner Hitlers und über­zeugten Demokraten.

Hans Pfitzner, der sich selbst in der Nachfolge Richard Wag­ners sah, hegte Sympathien für den Natio­nal­so­zia­lis­mus, noch En­de 1944 komponierte er eine Hommage an seinen Freund Hans Frank [6], der später we­gen Kriegs­verbrechen zum To­de ver­ur­teilt und hin­ge­rich­tet wor­den ist.

Bruno Walter musste Deutsch­land und Österreich seiner jü­di­schen Her­kunft wegen ver­las­sen.

Walter Braunfels wurde als "Halb­jude" nach 1933 all seiner Äm­ter ent­ho­ben, seine Kom­po­si­tionen durften nicht mehr auf­geführt wer­den.

Kurt Eisner * 1867 in Ber­lin. Ver­öffentlichte als Mit­glied der SPD mo­nar­chie­kri­ti­sche Ar­ti­kel, Mitglied der Vor­wärts-­Redaktion. Verliess 1917 aus Protest ge­gen die so­zial­demokratische Politik wäh­rend des Krieges die SPD und trat der neu ge­grün­de­ten Unabhängigen So­zial­de­mo­kra­tischen Partei Deutsch­lands bei. War Mit­or­ga­ni­sa­tor der Streiks im Ja­nuar 1918, die sich gegen den Krieg richteten, und wur­de darauf­hin für mehrere Mo­na­te in Haft ge­nom­men.

Ernst Toller * 1893 in Sza­mo­cin (Sa­mo­tschin), da­mals Provinz Posen, heute Polen. Stu­dier­te an der Uni­versität in Grenoble als der 1. Welt­krieg aus­brach. Meldete sich als Frei­wil­liger zu einem Bay­ri­schen Artillerie-Re­gi­ment, kämpfte bei Verdun. Aus­zeich­nung wegen Tap­fer­keit, Be­för­de­rung zum Un­ter­offizier. Im Mai 1916 völ­li­ger kör­per­licher und see­li­scher Zusammen­bruch. Ja­nu­ar 1917 Entlassung we­gen Kriegs­ver­wen­dungs­un­fä­hig­keit, Stu­dium (Jura und Philosophie) an der Lud­wig-Maxi­milian-Uni­versität in Mün­chen. Trat Ende 1917 der USPD bei. Wegen der Beteiligung an den Streiks im Januar 1918 wurde Toller inhaftiert, kurz darauf in die Psychiatrie zwangs­ein­ge­wie­sen. Nach der Nieder­schlagung der Räterepublik wird Toller zu fünf Jahren Fes­tungs­haft ver­ur­teilt, wäh­rend der er literarisch sehr pro­duk­tiv war. 1926 wurde er Mit­glied der Gruppe Re­vo­lutionärer Pazifisten. 1932 ver­ließ Toller Deutsch­land, 1933 wurde er aus­ge­bür­gert. Über die Schweiz, Paris und London ging er ins Exil nach Kali­fornien, von wo aus er lei­den­schaft­lich ge­gen den Natio­nal­so­zia­lis­mus agi­tier­te. Am 22. Mai 1939 er­häng­te er sich in einem New Yorker Ho­tel­zim­mer.

Gustav Landauer * 1870 in Karls­ruhe. Mit­ar­beit in so­zia­lis­ti­schen und anar­chis­ti­schen Zeit­schrif­ten. Freund­schaft mit Peter Kropotkin. Texte zu Literatur, Phi­lo­so­phie, Kunst und Politik. Kom­pro­missloser Kriegs­geg­ner. Nach seiner Ermordung wur­den zwei Täter vor Ge­richt ge­stellt. Eugen Dingele wur­de zu fünf Wochen Ge­fäng­nis wegen Körper­verletzung und Hehlerei (er hatte Lan­dauers Uhr gestohlen und verkauft) verurteilt. Freiherr von Gagern wurde wegen Miss­handlung zu einer Geld­strafe von 500 Mark ver­ur­teilt.

Ernst Niekisch * 1889 in Treb­nitz. Arbeitete als Leh­rer, trat 1917 in die SPD ein. 1918/19 Vor­sit­zen­der des Ar­bei­ter- und Sol­da­ten­rats in München. 1919 bis 1922 Mit­glied der USPD und Ab­ge­ord­ne­ter im Baye­ri­schen Landtag. Zwei Jahre Fes­tungs­haft wegen seiner Funk­tion während der Räte­republik. Ab 1923 national­bol­sche­wistische Pro­pa­gan­da. Stand Ernst und Fried­rich Georg Jünger nah. 1937 Verhaftung wegen kon­spi­ra­ti­ver Tätigkeit gegen den National­sozialismus, 1939 zu lebens­läng­lich Zucht­haus verurteilt. 1945 Eintritt in die KPD, später in die SED, Ab­ge­ord­ne­ter in der Volks­kam­mer. Nach dem 17. Juni 1953 legte er alle poli­tischen Ämter nieder, trat 1955 aus der SED aus, 1963 Über­sie­de­lung nach West­ber­lin, wo er 1967 starb.

Silvio Gesell * 1862 in Sankt Vith. Finanz- und Wäh­rungs­theo­re­ti­ker. Während der Rä­te­re­publik Volks­be­auf­trag­ter für Finanzen. Ver­tei­dig­te sich im fol­gen­den Hoch­ver­rats­pro­zess selbst und wur­de frei­ge­spro­chen. An­schlie­ßend sozial­re­for­me­ri­sche Pro­jek­te und Wei­ter­ent­wick­lung seiner Frei­wirt­schafts­lehre. Er starb 1930 in Ora­nien­burg.

Erich Mühsam * 1878 in Ber­lin. Mi­tar­beit in anar­chis­ti­schen Zeit­schrif­ten und Or­ga­ni­sa­tio­nen. Engagierte sich stark in der Räte­re­pu­blik, war aber nie Re­gie­rungs­mit­glied. Nach sei­ner Festnahme am 13. April 1919 wurde er im Zuchthaus Eb­rach in­haf­tiert. Später zu 15 Jahren Fes­tungs­haft ver­ur­teilt, nach 5 Jahren am­nes­tiert. 1934 von den Nazis im KZ Oranienburg er­mor­det.

Oskar Maria Graf * 1894 in Berg. Wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs wegen Be­fehls­ver­wei­ge­rung in­haf­tiert und schließ­lich in eine psy­chia­tri­sche Ein­rich­tung über­führt, Entlassung aus dem Mi­li­tär­dienst. 1918 we­gen Teil­nah­me am Munitions­ar­bei­ter­streik in­haf­tiert, 1919 wegen revolutionärer Umtriebe er­neut. Ab 1933 Exil, 1967 in New York ge­stor­ben.

Ret Marut * 1882 in Schwie­bus. Wäh­rend des Krie­ges Her­aus­ge­ber und al­lei­ni­ger Au­tor der pa­zi­fis­ti­schen Zeit­schrift "Der Zie­gel­brenner". Während der Rä­te­re­publik einer der wich­tigs­ten Mit­ar­bei­ter Lan­dauers, Leiter der Presse­abteilung des Zen­tral­rats. Nach der Nie­der­schla­gung der Räterepublik wird er ver­haf­tet, kann aber kurz vor der Ver­ur­tei­lung durch ein Feldgericht flie­hen. 1924 Einreise in Mexiko. Wird spä­ter unter dem Pseudonym B. Tra­ven ein welt­be­rühm­ter Autor sozial­kritischer Ro­ma­ne.

Rainer Maria Rilke * 1875 in Prag. Sym­pathisierte an­fangs mit der Re­vo­lu­tion, er stell­te sei­ne Woh­nung für Dis­kus­sio­nen über das wei­te­re Vor­ge­hen zur Ver­fü­gung. Wen­de­te sich schließ­lich ent­täuscht von der wei­te­ren Ent­wick­lung ab. Er starb 1926 im Sa­na­to­rium Val­mont sur Territet bei Montreux an Leu­kä­mie.

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1. Arcos Mutter war Jüdin, wes­we­gen er nicht Mitglied in der Thule-Gesell­schaft werden konnte.

2. Lindner flüchtet nach Ungarn, wird aber noch im selben Jahr aus­ge­lie­fert und zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt. 1928 durch eine Amnestie frei ge­kom­men. Emigrierte Anfang der 30er Jahre in die Sowjetunion, ab 1943 ist sein Schicksal un­be­kannt.

3. Was bereits in anderen Städten ge­sche­hen war: Aschaf­fen­burg, Augs­burg, Fürth, Hof, Lin­dau, Würz­burg.

4. "Den vorläufigen Sturz der Räte-Re­gie­rung begrüße ich. Den Glau­ben, daß sie wiederkommt, daß 'es' unaufhaltsam ist, trifft man über­all, u. ich teile ihn in hohem Gra­de. Aber zwi­schen Theorie und Praxis ist hier ein großer Unter­schied, und ich hasse die ver­antwortungslosen Ver­wirk­li­cher, die den Geist kom­pro­mit­tie­ren, wie die Bur­schen, die für diesmal ab­ge­wirt­schaf­tet haben. Ich hätte nichts dagegen, wenn man sie als Schäd­lin­ge er­schösse, was man aber zu thun sich hü­ten wird." S. 203

5. "München, wie Bayern, regiert von jü­dischen Literaten. Wie lan­ge wird es sich das gefallen lassen?" S. 50
"Wir sprachen auch von dem Typus des rus­si­schen Juden, des Führers der Welt­be­we­gung, dieser spreng­stoff­haften Mi­schung aus jüdischen In­tel­lek­tual-Radi­ka­lis­mus und sla­wi­scher Christus-Schwärmerei. Eine Welt, die noch Selbst­er­hal­tungs­in­stinkt besitzt, muß mit aller auf­biet­barer Energie und stand­recht­li­cher Kürze ge­gen die­sen Men­schen­schlag vor­ge­hen." S. 260f

6. Während des Krieges "Ge­ne­ral­gouverneur für die be­setz­ten pol­ni­schen Ge­bie­te" und mit­ver­ant­wort­lich für die Er­mor­dung Hun­dert­tau­sen­der Polen.

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5. Oktober 2020

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