Robert Harris:
Königsmörder. Roman.
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller.
Wilhelm Heyne Verlag 2022, 543 Seiten, ISBN 978-3-453-44191-0
Es ist eine der dunkelsten und zugleich faszinierendsten Epochen der englischen Geschichte, die Robert Harris in seinem Roman Königsmörder aufgreift: die Jahre nach der Wiederherstellung der Monarchie im Mai 1660, als Karl II. den Thron bestieg und Rache an jenen 59 Männern nahm, die das Todesurteil gegen seinen Vater, Karl I., unterzeichnet hatten. Harris, bekannt für seine akribisch recherchierten historischen Romane, erzählt die Geschichte zweier dieser Männer, der Obersten Edward Whalley und William Goffe.
Der Originaltitel des Romans, Act of Oblivion, verweist auf das Generalpardon, das Karl II. nach seiner Thronbesteigung erließ – eine Amnestie, die jedoch ausgerechnet jene ausnahm, die am meisten auf Vergebung angewiesen waren: die Königsmörder. Für Whalley und seinen Schwiegersohn Goffe, hochrangige Offiziere und enge Vertraute Oliver Cromwells, gab es keine Gnade. Sie mussten ihre Familien zurücklassen – für Goffe bedeutete das den schmerzhaften Abschied von seiner Frau Frances und seinen Kindern – und flohen per Schiff nach Neuengland, wo sie am 27. Juli 1660 in Boston ankamen.
Was folgt, ist kein Abenteuerroman im romantisierenden Sinn. Die amerikanischen Kolonien, in denen sie Zuflucht suchen, sind keine idyllische neue Welt, sondern eine Gesellschaft, die durch einen fanatischen Puritanismus geprägt ist und sich gerade vom nun wieder monarchisch regierten Mutterland abzuspalten beginnt.
Harris vermeidet bewusst jede Verklärung: Das Elend der beiden Flüchtigen wird greifbar, ihre jahrelange Existenz in Kellern und anderen Verstecken, immer in der Erwartung, verraten und ausgeliefert zu werden. Unter Gleichgesinnten wie dem Kaufmann Gookin finden die beiden vorübergehend Schutz, doch die Sicherheit ist trügerisch: Schon das Anlegen eines Schiffes mit schottischen Matrosen in Boston reicht, um die Gefahr zu erahnen, der sie ständig ausgesetzt sind – die Männer erkennen Cromwells einstige Gefolgsleute und greifen sie an.
Der eigentliche Gegenspieler aber ist Richard Nayler, Leiter des dem Kronrat unterstellten Geheimdienstes und historisch nicht verbürgt. Harris gelingt es, aus diesem Verfolger keine bloße Schurkengestalt zu machen, sondern einen Mann mit einer eigenen tragischen Geschichte. Es waren Whalley und Goffe, die am Weihnachtstag 1657 eine kleine Gemeinde, die in einer Privatkapelle Christi Geburt feierte, von Soldaten auflösen ließen, da es einen Verstoß gegen das puritanische Verbot von Weihnachtsfeiern darstellte. Als Nayler protestierte, wurde er verhaftet. Sechs Monate später, nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, erfuhr er, dass seine Frau in jener Nacht eine Frühgeburt erlitten hatte, die weder sie noch das Kind überlebten. Seine Jagd auf die beiden Oberste ist deshalb nicht nur Pflichterfüllung, sondern ein zutiefst persönliches Bedürfnis nach Rache. Hartnäckig und mit nicht nachlassender Energie bleibt er den Flüchtigen auf den Fersen.
Unterfüttert wird die Geschichte durch Goffes Aufzeichnungen, der während der Odyssee durch die Verstecke Neuenglands seine Erinnerungen an die Cromwell-Jahre niederschreibt. Beiläufig, und gerade dadurch umso grausiger, werden die Anteile der beiden Sympathieträger Whalley und Goffe an brutalsten Massakern in England erwähnt, die diese an royalistischen Soldaten und Würdenträgern begingen.
Während sich in den Kolonien der Konflikt zwischen radikalen Puritanern und dem Mutterland weiter zuspitzt, wird die Heimat von der Pest und dem großen Brand in London heimgesucht. Nicht wenige sehen dies als Zeichen für die für 1666 berechnete Wiederkunft des Messias.
Den Schluss des Romans, der dem Überlebenden der nahezu fünfzehn Jahre währenden Verfolgungsjagd eine vage Zukunft gibt, hat Harris jenseits des historisch Belegten gestaltet. Zuvor aber kommt es zum Showdown auf Leben und Tod.
Dem Roman vorangestellt ist eine klärende Vorbemerkung des Autors, die den Text als „fantasievolle Neuschöpfung einer wahren Geschichte“ ausweist, sowie ein Nachwort, das die benutzten Quellen offenlegt. Ein dreiseitiges Personenverzeichnis hilft, den Überblick über die vielen Akteure diesseits und jenseits des Atlantiks zu behalten.
Eine etwas straffere Erzählweise hätte das Leseerlebnis vermutlich noch gesteigert.
8. Mai 2026