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Giuseppe Sinopoli Parsifal in Venedig Giuseppe Sinopoli
Parsifal in Venedig. Roman.
Aus dem Italienischen von Maja Pflug.
Mit einem Vorwort von Her­mann Schrei­ber.
Claassen Verlag 2001, 158 Sei­ten, ISBN 3-546-00252-0

Giuseppe Sinopoli (1946–2001) ist uns vor al­lem als Di­ri­gent und Kom­po­nist be­kannt. In Ve­ne­dig ge­bo­ren, aber in Si­zi­lien auf­ge­wach­sen, be­gann er mit 12 Jah­ren eine Aus­bil­dung zum Or­ga­nis­ten. Nach­dem er mit 15 Jah­ren wie­der nach Ve­ne­dig ge­zo­gen war, stu­dier­te er am dor­ti­gen Kon­ser­va­to­rium Mu­sik und Kom­po­si­tion. Nach dem Ab­schluss sei­ner Stu­dien en­ga­gier­te er sich vor al­lem für Neue Mu­sik, die er di­ri­gier­te und für die er kom­po­nier­te. Sei­ne Kar­rie­re als Di­ri­gent von Opern be­gann 1978 in Ve­ne­dig mit Ver­dis „Aida“. Zur Vor­be­rei­tung hat­te er die Ori­gi­nal­ma­nus­krip­te Ver­dis stu­diert und da­rin Ab­wei­chun­gen von der da­mals üb­li­chen Auf­füh­rungs­pra­xis ent­deckt, die zu ei­ner sehr per­sön­li­chen In­ter­pre­ta­tion auch zu­künf­ti­ger Auf­trit­te führ­ten. Da­mit be­gann eine Kar­rie­re, die ihn re­nom­mier­te Or­ches­ter an wich­ti­gen Opern­häu­sern in Eu­ro­pa lei­ten ließ.

Wenig bis gar nicht be­kannt ist hin­ge­gen, dass Si­no­po­li pa­ral­lel zu sei­nem Mu­sik­stu­dium an der Uni­ver­si­tät Pa­dua Me­di­zin, Psy­chia­trie und An­thro­po­lo­gie stu­dier­te und in Me­di­zin auch pro­mo­vier­te. Eben­so we­nig be­kannt sein dürf­te sei­ne Dis­ser­ta­tions­schrift in Vor­der­asia­ti­scher Ar­chäo­lo­gie über das „Bit Hi­la­ni“, eine Ge­bäu­de­form, die etwa von 1500 v. Chr. bis zum Ende des 7. Jahr­hun­derts un­se­rer Zeit­rech­nung in Klein­asien und dem Na­hen Os­ten vor­kam. We­ni­ge Ta­ge be­vor er die Schrift hät­te ver­tei­di­gen sol­len, er­litt er wäh­rend ei­ner Auf­füh­rung von „Aida“ an der Deut­schen Oper Ber­lin ei­nen Herz­in­farkt und ver­starb.

Dass seine In­te­res­sen und sein Wis­sen aber noch er­heb­lich wei­ter ge­steckt wa­ren, zeigt uns die Lek­tü­re von „Par­si­fal in Ve­ne­dig“. Da­rin be­gibt er sich auf eine Rei­se durch Ve­ne­dig, die schließ­lich zu ei­ner Ini­tia­tion im kul­tur­ge­schicht­li­chen Sinn wird, in der sich ihm Ge­heim­nis­se und Mus­ter ent­hül­len, die Ve­ne­dig seit der Grün­dung ge­schaf­fen und be­wahrt hat.

Der als „Roman“ be­zeich­ne­te Text be­ginnt nach dem Ende ei­ner Or­ches­ter­pro­be im Tea­tro La Fe­ni­ce, wo Si­no­po­li den Par­si­fal di­ri­giert. Auf dem Weg zu ei­nem Freund ver­irrt er sich, und da­mit be­ginnt eine As­so­zia­tions­flut über ihn und die Le­ser zu stür­zen, die Wag­ners von Leit­mo­ti­ven ge­präg­te Mu­sik mit der Sym­bo­lik ei­ner Stadt ver­knüpft, die ihm da­bei zur „Stadt der Wie­der­ge­burt“ wird. Er schöpft aus den My­then der An­ti­ke und den Wer­ken sei­ner in­tel­lek­tuel­len Leit­ster­ne Nietz­sche, Evo­la, Elia­de und René Gué­non so­wie – selbst­ver­ständ­lich – aus der My­tho­lo­gie Ri­chard Wag­ners, wie er sie in sei­nen Par­si­fal ein­ge­wo­ben hat.

Schon bald stellt sich Si­no­po­li Ve­ne­dig als La­by­rinth dar. Die Struk­tur der Stadt, die Plät­ze, Stra­ßen, Brun­nen und Brü­cken be­greift er als die Sta­tio­nen einer Rei­se, die nicht nur in sein ei­ge­nes In­ne­res führt, son­dern ihm auch ein tie­fe­res Ver­ständ­nis für die kom­po­si­to­ri­schen Ge­heim­nis­se des Par­si­fal of­fen­bart, und sich wie­de­rum auf zu­neh­mend na­tür­li­che Wei­se mit den die Zei­ten über­grei­fen­den Struk­tu­ren der Mensch­heits­ge­schich­te ver­bin­det.

Mit den Mitteln von Phi­lo­so­phie, My­tho­lo­gie, Eso­te­rik, Psy­cho­a­na­ly­se und Ar­chäo­lo­gie de­chiff­riert Si­no­po­li, der sei­nen Tod wäh­rend ei­nes Di­ri­gats von Ver­dis „Aida“, der Oper, mit der er de­bü­tier­te, als Voll­en­dung ei­nes Krei­ses be­trach­tet ha­ben wür­de, die Zei­chen, die den Weg zur Er­lö­sung wei­sen. Sei­ner ei­ge­nen und der Par­si­fals. Tod und Wie­der­ge­burt als Pro­zess zu ei­nem hö­he­ren Selbst.

Das Büchlein wurde 1993 für ei­nen er­wei­ter­ten Freun­des­kreis als Pri­vat­druck kon­zi­piert und liegt erst pos­tum ei­ner brei­te­ren Öf­fent­lich­keit vor.


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25. November 2024

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